| Naturmedizin 2/2018

Ungenutztes Potenzial erkennen

Das AZKIM ist ein überregionaler Zusammenschluss von Ärzten und Wissenschaftlern an den vier Universitätskliniken Baden-Württembergs. Warum engagieren Sie sich im Rahmen dieses Zentrums auf naturheilkundlichem Gebiet?
Naturheilverfahren gehören zu den ältesten medizinischen Therapien überhaupt. Meines Erachtens haben sie ein großes und bisher häufig noch ungenutztes Potenzial für eine fortschrittliche, wissenschaftlich begründete Integrative Medizin der Zukunft, in der naturheilkundliche und konventionelle Therapien Hand in Hand gehen. Ziel von AZKIM ist eine vorurteilsfreie, wissenschaftliche Bewertung der Wirkung und Sicherheit von komplementärmedizinischen und naturheilkundlichen Verfahren. Damit möchten wir helfen, Wissenslücken zu schließen und eine bessere Orientierung über Nutzen, aber auch Risiken, dieser Therapieoptionen zu ermöglichen.
 
Im Fokus Ihrer Arbeit mit AZKIM steht die Forschung an Wirkmechanismen integrativer Therapien zur unterstützenden Therapie bei immunologischen Erkrankungen und Tumorerkrankungen. Warum speziell diese Gebiete?
Etwa 40 % der Bevölkerung in Deutschland sind chronisch krank – Tendenz steigend. Dabei stellen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und chronische Atemwegserkrankungen den größten Anteil der Krankheitslast. Bei all diesen Erkrankungen spielt eine inadäquate Reaktion des Immunsystems eine wichtige Rolle. Vielen chronisch Erkrankten kann nicht ausreichend geholfen werden. Das therapeutische Repertoire ist limitiert, mäßig oder nur befristet wirksam und z. T. von starken Nebenwirkungen begleitet. Bei naturheilkundlichen Ansätzen wird häufig vermutet, dass sie das Immunsystem günstig beeinflussen. Insbesondere werden für pflanzliche Wirkstoffe Einflüsse auf das Immunsystem beschrieben. Erkenntnisse über molekulare Wirkmechanismen und gut kontrollierte klinische Studien stehen allerdings häufig noch aus. Hier gibt es noch sehr viel zu tun.
 
AZKIM wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) Baden-Württemberg gefördert. Sehen Sie allgemein für die naturheilkundliche Forschung mehr Förderungsbedarf?
Definitiv. In Deutschland basiert Forschung auf dem Gebiet der Komplementärmedizin bislang weitestgehend auf Einzelinitiativen und wird fast ausschließlich über Stiftungsgelder und Firmen finanziert. Erfreulicherweise leistet das Land Baden-Württemberg seit 2016 finanzielle Unterstützung für die strukturbildenden Maßnahmen von AZKIM. Für die Durchführung von unabhängigen Forschungsprojekten sind zukünftig weitere öffentliche Drittmittel unabdingbar.
 
Werfen wir mal einen Blick in die Glaskugel: Wie weit wird die Integration naturheilkundlicher bzw. komplementärmedizinischer Therapien in die Schulmedizin im Jahr 2028 vorangekommen sein?
Wir sind keine Hellseher, aber wir haben Ziele, die wir ernsthaft und engagiert verfolgen. Dies sind unsere Erwartungen bis zum Jahr 2028: Mit den Erkenntnissen aus qualitativ hochwertiger Forschung werden Ärzte besser als bisher in die Lage versetzt, Chancen – aber auch Risiken – der Komplementärmedizin zu beurteilen und sich mit Fragen der Patienten zu dieser Thematik kompetent und offen auseinanderzusetzen.
Naturheilkundliche bzw. Komplementärtherapien mit nachgewiesener Wirksamkeit werden verstärkt in den Leitlinien zu finden sein und zu den kassenärztlichen Leistungen gehören, die in Standard-Therapieschemata Eingang finden. Auch gehe ich davon aus, dass mit ein wenig Vorlauf und mehr Investition in die Ausbildung von exzellentem wissenschaftlichem Nachwuchs, der sich dieser Thematik widmet, auch erste ordentliche Lehrstühle für den Bereich Komplementäre und Integrative Medizin an den Universitäten eingerichtet werden.
 
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. med. Yvonne Samstag ist Universitäts-Professorin für Zelluläre Immunologie, geschäftsführende Oberärztin des Instituts für Immunologie, stellv. geschäftsführende Direktorin des Instituts für Immunologie und Sprecherin des Akademischen Zentrums für Komplementäre & Integrative Medizin (AZKIM www.azkim.de).

 

„Etwa 40 % der Bevölkerung in Deutschland sind chronisch krank – Tendenz steigend.”

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