Chinesische und westliche Medizin | Naturmedizin 4/2019

Psychsomatik Ost – West

Die Betrachtung der menschlichen Phänomene und Symptome zeigt große Übereinstimmungen zwischen chinesischer und westlicher Medizin, hier vor allem der deutschsprachigen Psychosomatik. Wie dieser Artikel zeigen wird, ist die Übereinstimmung am größten zwischen chinesischer Medizin und deutschsprachigen leibbezogenen Redewendungen.
Natürlich existieren auch Unterschiede bzw. Spezifika: Die chinesische Medizin baut – im Gegensatz zur vorherrschenden Strömung der westlichen Psychosomatik – auf einer weitgehenden Symptomspezifität auf (Ots 1999). Es gibt einzelne Symptome, die einer bestimmten Emotion zugeordnet werden können.
Am sichersten ist die Diagnose, wenn mehrere Symptome eines bestimmten Syndroms gemeinsam oder in einer bestimmten chronologischen Beziehung zueinander auftreten. Dieses Syndrom kann auch als emotiosomatischer Komplex beschrieben werden.
Diese Komplexe stehen in bestimmten Beziehungen zueinander, die meist eine Zeitachse beinhalten. Die bekannteste ist die zwischen Leber und Milz, die auch schon der hippokratischen Medizin bekannt war („chole“, „melan chole“).
Ein weiterer Unterschied: Aus Sicht der chinesischen Medizin werden bestimmte somatoforme Störungen (ICD 10: F 45, F 48) als psychosomatische, nicht als psychiatrische Störungen verstanden.
 
Die limbischen Strukturen
Die Grundlage der Symptomspezifität ist in den Umschaltungen innerhalb der limbischen Strukturen zu sehen: Äußere Impulse werden in basale lebenserhaltende Antworten umgeformt (Notfallreaktion, Abwehrreaktion; affective neuroscience [Davidson 1995]). Diese Antworten sind auf der physiologischen Ebene u. a. durch ATP-Bereitstellung und Ausschüttung von Neurotransmittern und Hormonen (z. B. Endorphinen, Oxytocin und Serotonin) zielgerichtet, etwa im Bereitstellungshypertonus (Herrmann et al. 1996).
Sie gehen einher mit einer emotionellen Erfahrung (Bedeutungskoppelung) und münden in spezifische physiologische Muster. Krankheitswert erhalten diese Muster unter anderem durch die kontinuierliche Hemmung ihrer Ausführung (prevailing state model nach Manuck und Krantz 1984; Folkowsches Modell der „Strukturellen Autoregulation“, Herrmann et al. 1996).
 
Fünf basale emotionelle Strukturen
Die chinesische Medizin hat fünf basale emotionale Muster identifiziert: Freude, Aggression, Depressivität, Trauer und Angst. Pathognomonisch werden diese Emotionen in ihrer Ausprägung als Überaktivität oder aber Hemmung.
Hieraus ergeben sich spezifische Symptommuster. Der Arzt der chinesischen Medizin kann aus dem vorliegenden Symptommuster auf die der Störung zugrunde liegende Emotion schließen. Dies eröffnet weiterhin spezifische psychotherapeutische Ansätze.
 
Therapeutischer = somatopsychischer Ansatz
Die Therapie der Akupunktur kann als somatopsychischer Ansatz definiert werden. Der Therapeut zielt mit der Nadelung primär auf die Beseitigung somatischer Symptome. Da diese Symptome über die beschriebene Bedeutungskoppelung für die Störung eine Triggerfunktion haben, geht mit der Minimierung der körperlichen Symptome eine Verbesserung der emotionellen Situation einher.
 
Chinesische Diagnostik als Beispiel
Aus Sicht der chinesischen Medizin handelt es sich bei der Colitis ulcerosa um eine Krankheit als Ausdruck einer Aggressionshemmung, nicht so bei Morbus Crohn, der wahrscheinlich eine genetische Grundlage hat. Insofern ist die häufige Zusammenfassung beider Krankheiten als CED irreführend. Für die Differentialdiagnostik beider Störungen gibt es ein abgestuftes Arsenal von Fragen, das auf das Maß der Aggressionshemmung abzielt.
 
Welche Farbe mögen Sie nicht?
Welche Farbe mögen Sie?
Welche Farben mögen Sie nicht?
Welche Farben mögen Sie?
 
Die ersten drei Fragen werden von einem an Colitis Erkrankten zumeist ausweichend beantwortet („Dass ich eine Farbe nicht mag oder einer anderen vorziehe, könnte ich nicht sagen“), erst die letzte Frage eröffnet eine nicht-kontroversiale ausgleichende Antwort, z. B.: „Rot, aber auch Grün.“ Dieselbe Frageprozedur kann mit der Kategorie Geschmack wiederholt werden. Patienten mit M. Crohn zeigen hier in der Regel keine festen Muster.
Die therapeutische Konsequenz besteht darin, dass die Colitis ulcerosa mit Akupunktur und einer begleitenden Psychotherapie (Ziel: Überwindung der Aggressionshemmung, lernen, Nein zu sagen) behandelt wird, während ein psychotherapeutisches Vorgehen bei M. Crohn nicht per se als notwendig erscheint.
 
Das Beispiel Leber
Die emotionelle Zuordnung in der chinesischen Medizin zur Leber ist die Wut.
Da mehrere Begrifflichkeiten in der TCM darauf hinweisen, dass nicht nur die Wut als solche, sondern auch ihre Hemmung / Unterdrückung schädigend sein kann, sprechen wir vom Komplex Wut / Ärger.
 
Transkultureller Vergleich: Die „Leber“ in deutschen sprichwörtlichen Redensarten
Wir können im deutschen Sprachgebrauch drei Arten von Sprichwörtern des Leberkomplexes unterscheiden. a) Die Leber wird genannt. b) Die Galle wird genannt. c) Symptome aus der chinesischen Entsprechungsreihe Leber bzw. des emotionellen Komplexes werden genannt.
 
a) Nennung der Leber
„jemandem ist eine Laus über die Leber gelaufen / gekrochen“ „
es muss herunter von der Leber“
„frei / frisch von der Leber weg reden / sprechen“
„die beleidigte Leberwurst spielen“
 
b) Nennung der Galle
„mir kommt gleich die Galle hoch“
„ihm lief die Galle über“
„er spuckte Gift und Galle“
„ein galliger Typ“, „eine gallige Bemerkung“
 
c) Bezugnahme auf Symptome aus der Entsprechungsreihe Leber bzw. des emotionellen Komplexes
„sauer sein“
„das ist mir übel / sauer aufgestoßen“
„ich hab mir ein Loch in den Bauch geärgert“
„eine Wut im Bauche haben“
„seine Wut herunterschlucken“
„mir platzt gleich der Kragen“
„ich hab mir so einen Kropf geärgert“
„ihm schwoll die Zornesader an“
„vor Zorn funkelnde Augen“
„ich könnte vor Wut kotzen“
„aus der Haut fahren / vor Wut aus der Haut fahren“
„Dampf ablassen“
„seinem Ärger Luft verschaffen“
„blind vor Wut sein“
„da haut´s mir glei dr Spund (dr Zapfe) naus“ (schwäbisch: Überdruck in einem Fass jagt den Verschlusszapfen hinaus).
 
Nahezu alle Redensarten weisen auf unterschiedliche Ausprägungen von Wut bzw. unterdrückter Wut = Ärger hin. Interessanterweise können wir fast alle Redensarten der Kategorie c) in der chinesischen Medizin wiederfinden – und zwar im Wert eines Symptoms: Auf Chinesisch heißt sich ärgern = sheng qi (wörtlich: qi = gebären). Hier ist es mehr vom Kontext abhängig, inwieweit der Betreffende seinem Ärger freien Lauf lassen kann: Heruntergeschluckter Ärger führt zunächst zu Blähungen, die enorme Bauchschmerzen verursachen können. Das unterdrückte Qi sucht sich dann einen Weg nach oben: Es kann im Halse stecken bleiben (Globusgefühl). Gelingt es dem Patienten nicht, seinem Ärger sprachlichen Ausdruck zu verleihen, entweicht das Qi in verunstalteter Form aus dem Mund: Der Mensch rülpst. Oder aber das aufsteigende Qi steigt noch höher, fängt sich unter der Kalotte, der Patient klagt über Kopfschmerzen.
Die wohl universal gültige Vorstellung, dass Ärger heraus muss, soll er nicht zum eigenen Nachteil werden, kommt in der Mahnung des berühmten Arztes Zhang Congzheng (1156- 1228) zum Ausdruck: „Holz möchte sich ausbreiten.“
 
Literatur beim Autor
Quelle: Thomas Ots hält am 20.09.2019 im Rahmen des 137. ZAEN-Kongresses in Freudenstadt einen Kurs mit dem Titel „Die erfolgreiche Therapie von psychosomatischen Störungen mittels Körper-/ Ohrakupunktur und begleitender Psychotherapie“ ab. Anmeldung bitte über www.daegfa.de, fz@daegfa.de oder 089 71005-11.

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