Planetare Gesundheit

Naturmedizin 1/2020

Planetary Health — die Herausforderung der Ganzheitlichkeit

Der Mensch kann nur gesund sein, wenn der Planet gesund ist. Das Konzept der planetaren Gesundheit liefert Rahmen und Ansätze zum Umgang mit der Krise von Klima und Natur, auch und gerade für die Naturheilkunde. Es werden zunehmend Patienten medizinische Hilfe benötigen, die sich – bei geschultem Blick – als „Klimapatienten“ herausstellen! Hier kann eine Win-win-Situation für Mensch und Klima entstehen. Dies ist der erste Beitrag der ganzjährigen Serie zur planetaren Gesundheit.
Die Gesundheit der natürlichen Systeme, von denen wir abhängig sind, ist aktuell durch die Klimakrise gefährdet. Der klimawissenschaftliche Konsens darüber ist lange da; viele Staaten haben den Klimanotstand ausgerufen – im November 2019 auch die Europäische Union (EU).
In Deutschland hat sich schon 2017 der Verein Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) gegründet. In ihm sind Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe organisiert. Um die jungen Menschen von Fridays for Future zu unterstützen, hat der Verein die Bewegung Health for Future initiiert.
Die Ärztin Sabine Gabrysch ist Gründungsmitglied von KLUG und hat seit 2019 die neu eingerichtete Professur für Klima und Gesundheit an der Charité inne. Sie befasst sich mit dem Thema Planetary Health (PH) als einem umfassenden Gesundheitskonzept im Anthropozän. Sie stellt in ihren Vorträgen eine weitverbreitete Fehlannahme klar: Das Wort „Klimaschutz“ suggeriert, dass wir als Menschen das Klima schützen müssen. Die Wirklichkeit ist aber, dass wir als Menschen von natürlichen Ressourcen und dem Klima abhängig sind und es eigentlich um „Menschenschutz“ geht (Gabrysch 2019).
Ein prominenter Klimaaktivist ist auch Dr. med. Eckhart von Hirschhausen. Er unterstützt die Health for Future und sieht die Ärzteschaft in einer besonderen Verantwortung: „Je mehr ich mich über den Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit informiere, desto ungeduldiger werde ich. Ärzte haben die Aufgabe, auf Gesundheitsgefahren hinzuweisen, Leben zu schützen und, wenn es sein muss, auch schlechte Nachrichten zu überbringen“. (Hirschhausen 2019). Er betont immer wieder: „Die größte Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert ist die Klimakrise!“
 
Von Tropenmedizin bis Planetary Health
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach man in Bezug auf internationale Aspekte von Gesundheit noch von „Medizin in den Tropen“ und „Tropenhygiene“.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden das Konzept Public Health geprägt.
Unter dem Eindruck von Pandemien und dem Klimawandel in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts hat sich das aktuelle Konzept der planetaren Gesundheit durchgesetzt.
 
Planetary Health
Planetary Health befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen der menschlichen Gesundheit und den politischen, ökonomischen und sozialen Systemen, sowie den natürlichen Systemen unseres Planeten, von denen die Existenz der menschlichen Zivilisation abhängt (Whitmee et al. zit. nach Müller et al.).
Eine herausragende Rolle in dem Diskurs hat die führende medizinische Fachzeitschrift The Lancet übernommen. 2015 wurde der „Rockefeller Foundation – Lancet Planetary Health Commission Report“ (Whitmee 2019) vorgestellt. Der Lancet Countdown ist eine internationale Forschungskooperation. Sie zeigt in jährlichen Berichten die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels auf und dokumentiert, inwieweit die Regierungen ihre Klimaversprechen einhalten (KLUG 2019).
 
Countdown seit 2019 auch in Deutschland
Im November 2019 wurde der aktuelle Bericht des Lancet Countdown on Health and Climate Change in Deutschland vorgestellt, zum ersten Mal mit einem sogenannten Policy Brief, einem Kurzdossier. Erstellt wurde dieser unter anderem von der Bundesärztekammer. Der Bericht warnt: Ein Kind, das heute geboren wird, werde eine Welt erleben, die mehr als vier Grad wärmer sein wird als vor dem Industriezeitalter. Dies ist mit allen negativen Folgen des Klimawandels für die Gesundheit verbunden. Viele der erhobenen Indikatoren zeigen eine Verschlechterung auf. Gegenwärtig erkennbare Fortschritte sind unzureichend. Es wird eindeutig klar: Es bedarf der Anstrengung der 7,5 Milliarden Menschen, die derzeit auf der Erde leben, diese Entwicklung zu stoppen.
Der deutsche Policy Brief zeigt die besonderen Auswirkungen auf Deutschland auf, insbesondere die gesundheitlichen Folgen durch Hitzebelastung und Luftverschmutzung für eine Vielzahl von Erkrankungen, die Ausweitung und Verstärkung von Asthma und Allergien und auch die dadurch erhöhte Gefahr, an vektorübertragenen Infektionen zu erkranken, die bisher hierzulande nicht heimisch waren (KLUG 2019).
 

 

Die drei Empfehlungen des Policy Brief
• Hitzeaktionspläne gemäß der Empfehlungen umsetzen
• eine Reduzierung des CO2-Fußabdrucks im Gesundheitssektor – er beträgt etwa 5 % der nationalen Treibhausgasemissionen
• die rasche Einbeziehung von Klimawandel und Planetary Health in die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Gesundheitsberufe; der Klimawandel muss als eine zunehmende Gesundheitsbedrohung verstanden werden, damit schleunigst gehandelt werden kann.
„Der Bericht belegt eindrücklich, dass die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels nicht irgendwann in weit entfernten Weltgegenden spürbar werden, sondern hier und heute“, sagte Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt auf der Pressekonferenz. Die Politik müsse geeignete Rahmenbedingungen schaffen. So müssten Gesundheitseinrichtungen durch ausreichend Personal und räumliche Ressourcen auf Extremwetterereignisse vorbereitet werden. „Neben einem nationalen Hitzeschutzplan sind konkrete Maßnahmenpläne für Kliniken, Not- und Rettungsdienste sowie Pflegeeinrichtungen zur Vorbereitung auf Hitzeereignisse notwendig“, betonte Reinhardt. Prof. Dr. Annette Peters, Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München, untersucht in der NAKO Gesundheitsstudie bei 200.000 Erwachsenen die körperlichen Reaktionen auf extreme Wetterereignisse und wie sie durch den Klimawandel verschärft werden: „Wir gehen davon aus, dass die Auswirkungen von Hitze viel weitreichender sind, als dies gegenwärtig durch Studien dokumentiert ist.“ (Bundesärztekammer 2019b)
Als erste größere medizinische wissenschaftliche Fachgesellschaft in Deutschland positionierte sich Ende November 2019 die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) zur Klimakrise. Sie unterstützt ausdrücklich die Forderungen der aktuell demonstrierenden vor allem jungen Menschen – „gerade auch aus Sorge um die psychische Gesundheit“. (DGPPN 2019)
 
Ausblick
Eine sehr direkt spürbare Folge der Klimakrise werden zunehmende Hitzeperioden in bisher ungekannten Ausmaßen sein.
Die in Lingen 2019 gemessenen 42,6 Grad werden voraussichtlich noch überschritten werden.
Bis zum Ende dieses Jahrhunderts sind jährlich bis zu fünf zusätzliche Hitzewellen in Norddeutschland und bis zu 30 in Süddeutschland zu erwarten.
Damit einhergehender Hitzestress und hohe bodennahe Ozonkonzentrationen können schwerwiegende Folgen für die menschliche Gesundheit haben. Dazu zählen unter anderem Hitzschlag, Herzinfarkt und akutes Nierenversagen aufgrund von Flüssigkeitsmangel.
Am stärksten gefährdet sind ältere Menschen, Säuglinge, Patienten mit chronischen Erkrankungen sowie Personen, die schwere körperliche Arbeit im Freien verrichten, etwa Bauarbeiter (Bundesärztekammer 2019). Viele Klima- und Naturschutzmaßnahmen sind Win-win-Lösungen für den Planeten und die Gesundheit, beispielsweise:
• Fahrradfreundliche Städte reduzieren die Emissionen und ermöglichen mehr Bewegung, beides ein direkter Gewinn durch weniger Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.
• Es hat sich herausgestellt, dass die Ernährungsweise, die für unseren Planeten gut ist, auch die beste für den einzelnen Menschen zu sein scheint: Die Planetary Health Diet ist entwickelt worden (Lucas 2019).
• Viele Unternehmen fangen an, ihre Planungen für Meetings und Kongresse umzustellen: Bei den persönlichen Treffen wird die wertvolle Qualitätszeit genutzt, um sich zu begegnen und sich kennenzulernen. Viel Arbeit kann dann auch digital vermittelt bewältigt werden, in Videokonferenzen, Webinaren usw. Dies reduziert den Reisestress und verringert gleichzeitig den CO2-Abdruck durch Reduktion von Flugreisen.
• Katastrophen wie Waldbrände, Überflutungen und Extremwetterereignisse wie Starkregen sind eine direkte Gefahr für Leib und Leben dar; Jeder einzelne kann durch Verringerung seines eigenen CO2–Fußabdrucks etwas gegen diese Entwicklungen tun.
• Der Erhalt von Natur und Artenvielfalt wird sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken, und eine effektive Klimaschutzstrategie wird die vorhandenen Zukunftsängste der jungen Generation mindern.
 
Krise und Sinn
Das Wort „Krise“ kommt vom griechischen „krísis“; dieses bedeutet Entscheidung, entscheidende Wendung. Lebensstiländerungen fallen Patienten, bzw. allen Menschen, erfahrungsgemäß sehr schwer, selbst wenn sie für die eigene Gesundheit dringend notwendig sind. Wenn wir unser Handeln und unseren Lebensstil aber in einen größeren Zusammenhang einordnen können und erkennen, dass wir mit den richtigen Entscheidungen nicht nur für uns selbst etwas Gutes tun können, sondern auch für die Zukunft unserer Kinder und Enkel, dann kommt ein großer sinnstiftender Faktor dazu – und es wird leichter gelingen.
 
In den nächsten Ausgaben finden Sie weitere Artikel zu unserer Themenreihe Planetary Health und die Klimakrise: Ausgabe 2/2020 Planetary Health Diet; dann: Allergie- und Schadstoffbelastungen, Umgang mit Hitzewellen, Infektionen, Klimasprechstunde uvm. Lesen Sie zum Thema auch das Interview mit dem Vorsitzenden von KLUG, Dr. med. Martin Herrmann (NMD 6/2019, S. 20-21).
 
Literatur beim Autor
 
Autor
Frank Aschoff ist Fachjournalist (DJK), und auf Wissenschafts- / Medizinjournalismus spezialisiert. E-Mail: frank.aschoff@web.de
Das könnte Sie auch interessieren

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

x