Im Gespräch | Naturmedizin 3/2018

Pflanzliche Alternativen zu Antibiotika bekannter machen

Herr Niedenthal, warum legt die Forschergruppe Klostermedizin ihren Schwerpunkt auf der diesjährigen Landesgartenschau in Würzburg auf keimhemmende Inhaltsstoffe von Pflanzen?
Aufgrund des Charakters einer Gartenschau mit vielen unterschiedlichen Attraktionen müssen wir uns auf ein Einzelthema konzentrieren. So wollen wir sicherstellen, dass die Besucher unserer insgesamt etwa 400 Führungen und Vorträge auch tatsächlich etwas für sich mitnehmen.
 
Sie gehen auch auf das Problem der Antibiotikaresistenzen ein?
Das Thema Antibiotikaresistenzen bot sich aufgrund von Aktualität und eklatanter Wissenslücken in der breiten Bevölkerung besonders an. Wir wollen die Zuhörer für das Thema sensibilisieren und Wege aufzeigen, wie jeder Einzelne etwas zur Lösung beitragen kann. Im Zentrum der Veranstaltungen stehen folglich Prävention und die Behandlung unkomplizierter Infektionen mit pflanzlichen Mitteln.
 
Welche Pflanzen und Inhaltsstoffe sind für die Forschergruppe besonders interessant?
Für die Landesgartenschau haben wir Stoffgruppen aus Pflanzenfamilien gewählt, die sich auch im eigenen Garten anbauen sowie leicht verarbeiten und weitgehend gefahrlos nutzen lassen, wozu wir jeweils einige wichtige Hinweise geben. Thematisiert werden vor allem Senföle aus Kreuzblütlern und Lauchöle aus Laucharten, daneben ätherische Öle aus Lippenblütlern und Doldenblütlern. Außerdem zeigen wir anhand des Andorns noch die chemisch uneinheitliche Gruppe der Bitterstoffe. Die Hauptanwendungsgebiete liegen bei Infekten der Atem- und Harnwege, also Erkrankungen, mit denen wir sehr häufig konfrontiert werden.
Die genannten Stoffe greifen im Gegensatz zu klassischen Antibiotika nicht in die Darmflora ein, und es wurden bislang auch keinerlei Resistenzen beobachtet.
 
Inwieweit decken sich alte Überlieferungen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich der antiinfektiösen Wirkungen bestimmter Pflanzen?
Gerade der Andorn, der als Arzneipflanze des Jahres einen besonderen Platz in unserem Auftritt einnimmt, wurde bereits vor 2000 Jahren ähnlich verwendet wie heute. Das gilt auch für verschiedene Pflanzen mit ätherischen Ölen, Senfölen oder Lauchölen, die vielfach bereits im Mittelalter oder in der Antike entsprechend eingesetzt wurden.
Da es aber zur damaligen Zeit noch keinerlei Kenntnisse zu Inhaltsstoffen oder pathogenen Keimen im heutigen Sinne gab, war die Anwendung weniger systematisch und basierte bestenfalls auf Geruch und Geschmack der einzel
nen Mittel und natürlich nicht zuletzt auf Erfahrung.
 
Obwohl intensiv beforscht, kommen viele Erkenntnisse nur langsam in der therapeutischen Praxis an. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
In den vergangenen Jahrzehnten wurde zwar sehr viel Grundlagenforschung betrieben, aber die klinische Erprobung ist langwierig und teuer. So vergeht etwas Zeit, bis erste Erkenntnisse aus dem Labor letztlich in die Leitlinien der Fachgesellschaften einziehen.
 
Aber es tut sich etwas?
Ja. Die Senföle aus Meerrettich und Kapuzinerkresse haben es im vergangenen Jahr in die S3-Leitlinie für unkomplizierte Harnwegsinfektionen geschafft, weitere Empfehlungen werden in den kommenden Jahren sicherlich folgen. Wir dürfen nicht vergessen, dass erst seit wenigen Jahren pflanzliche Arzneimittel überhaupt systematisch bei der Erstellung bzw. Aktualisierung von Leitlinien bedacht werden. Sie wurden vorher nicht selten einfach ignoriert – ganz unabhängig von der bestehenden Evidenzlage.
Ein großes Problem ist allerdings auch die fehlende Erstattungsfähigkeit für fast alle pflanzlichen Arzneimittel. Erstattet wird fast ausschließlich das, was verschreibungspflichtig ist, und pflanzliche Mittel sind in der Regel frei verkäuflich. Hier sind die Kassen bzw. der Gesetzgeber gefordert.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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