Gastroenterologie

Naturmedizin 4/2020

Naturheilkunde für Magen & Darm

Beschwerden im Gastrointestinaltrakt beeinträchtigen das Wohlbefinden erheblich, zumal sich Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Diarrhö langfristig vielfach auf das Energieniveau auswirken. Die Betroffenen fühlen sich müde und erschöpft. Das schlägt auf die Psyche!
Im Falle von Blähungen ziehen sich Betroffene mitunter sogar aus ihrem sozialen Umfeld zurück, weil ihnen die entweichenden Winde peinlich sind. Spätestens dann kann die psychische Gesundheit gefährdet sein. Arzneipflanzen können viele Beschwerden im Magen-Darm- Trakt jedoch effektiv lindern, sodass es so weit gar nicht kommen muss. Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, sie mit Probiotika zu kombinieren.
 
Sauer macht nicht immer lustig
Eine Gastritis und Ulzeration der Magenoder Dünndarmschleimhaut werden in der Regel mit Protonenpumpenhemmern behandelt. Doch nicht immer können Patienten die Arzneistoffe nach Abschluss einer Behandlung erfolgreich ausschleichen. Vielfach greifen sie wieder zum Medikament, wenn es zum Säure-Rebound kommt. Inzwischen kennt man jedoch die Folgen einer Daueranwendung dieser Wirkstoffe, sodass pflanzliche Alternativen gefragt sind (s. a. Artikel S. 24ff). Ein Auszug aus den Knospen der Feige (Ficus carica) schützt einerseits die Schleimhaut und reguliert andererseits die Säurebildung im Magen. Die Gemmomazerate sind zudem für Menschen geeignet, die vornehmlich in Stresssituationen an Sodbrennen oder Magenschmerzen leiden. Schnelle Linderung kann darüber hinaus ein Kaltauszug des Leinsamens (Lini semen) bringen, dessen Schleimstoffe einen schützenden Film auf der Oberfläche von Speiseröhre, Magen und Dünndarm bilden. In schweren Fällen kann man dem heißen Schleim Kamillentee (Chamomillae flos) zugeben, da dieser zusätzlich entzündungshemmend wirkt. Mögliche Alternativen sind Haferschleim oder pflanzliche Fertigarzneimittel auf Basis von Schleimstoffen (s. Tabelle).
 
Gesunder Appetit ohne Völlegefühl und Blähungen
Schon beim angenehmen Geruch von ätherischen Ölen läuft vielen das Wasser im Munde zusammen. Damit ist der erste Schritt zu einem guten Appetit und einer ebenso guten Verdauung bereits getan, bevor der erste Bissen im Mund ist. Bitterstoffe stimulieren ebenso die Ausschüttung verdauungsfördernder Enzyme und wirken außerdem cholagog und choleretisch, sodass sie unter anderem die Fettverträglichkeit verbessern. Gleichzeitig mindern sie das Bedürfnis nach Süßem. Es handelt sich hierbei wie bei den ätherischen Ölen meist um ein Stoffgemisch, das gemeinsam für den bitteren Geschmack verantwortlich ist. Hierzu gehören beispielsweise Mono-, Sesqui-, Di- oder Triterpene, Iridoide und Flavonoide, die meist glykosidgebunden vorliegen. Unter ihrem Einfluss werden daher mit der Nahrung aufgenommene Nährstoffe besser aufgespalten, sodass sie im Anschluss leichter resorbiert werden können.
Zu den appetitanregenden und verdauungsfördernden aromatischen Pflanzen gehören unter anderem Fenchel (Foeniculi fructus), Kümmel (Carvi fructus), Melisse (Melissae folium) und Pfefferminze (Menthae folium), während Engelwurz (Angelicae radix), Benediktendistel (Cnici benedictae herba), Kalmus (Calami rhizoma), Schafgarbe (Millefoli herba), Tausendgüldenkraut (Centauri herba) oder Wermut (Absinthi herba) den Amara aromatica zugerechnet werden, also den aromatischen Kräutern, die auch bitter schmecken. Bei Übelkeit und Erbrechen hat sich ergänzend der Ingwer (Zingiberis rhizoma) bewährt.
Gersten- und Weizengras enthalten neben Aminosäuren und Chlorophyll unter anderem Enzyme, Mineralstoffe und Vitamine. Sie unterstützen nicht nur die Verdauungsprozesse im Darm, sie liefern außerdem wichtige Vitalstoffe. Durch ihren Gehalt an Betaglucanen senken sie auch den Blutzucker- und Cholesterinspiegel.
Diarrhö stoppen Chronische Durchfälle und imperativer Stuhldrang sind lästig und beeinträchtigen mitunter die Mobilität im Alltag stark. Da Gerbstoffe adstringierend wirken, können Arzneipflanzen mit einem hohen Gehalt dieser Inhaltsstoffe bei Diarrhö effektiv eingesetzt werden. Hierzu gehören Rosengewächse wie Brombeer- (Rubi fruticosi folium) oder Himbeerblätter (Rubi idaei) sowie die getrocknete Heidelbeere (Myrtilli fructus). Walnussblätter (Juglandis folium) stehen nicht nur als Tee, sondern auch als Gemmoextrakt zur Verfügung. Durchfall und Krämpfe lindern ferner Frauenmantel (Alchemillae herba), Odermennig (Agrimoniae herba), Schafgarbe (Millefoli herba) oder Zaubernuss (Hamamelidis folium oder radix). Sie können als Tee oder Tinktur eingenommen werden.
Schleimstoffe wie sie in Floh- oder Leinsamen enthalten sind, haben zusätzlich einen schützenden Effekt. Sie bilden einen Film auf der Oberfläche der Darmzotten, sodass schädigende Substanzen, die Schleimhaut nicht mehr so stark reizen können. Ferner binden sie Flüssigkeiten und mögliche Schadstoffe. Gleichzeitig spalten Darmbakterien die Schleimstoffe teilweise auf und nutzen sie als Nahrung. Aus den Fasern der Flohsamen (Psyllii semen) entstehen im Dickdarm ferner kurzkettige Fettsäuren wie die Buttersäure, die nicht nur ein saures Milieu schaffen und damit das Wachstum schädigender Bakterienstämme hemmen, sondern auch wichtige Nährstoffe der Darmzellen sind.
Gelbwurz (Curcumae rhizoma) enthält wiederum Polysaccharide und mit den Curcuminoiden ein einzigartiges Stoffgemisch, das unter anderem karminativ, cholagog und choleretisch sowie antiinflammatorisch wirkt. Damit kann Gelbwurz nicht nur die Verträglichkeit von Speisen verbessern und eine Diarrhö lindern, sie kann auch zum Remissionserhalt chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen beitragen. Das Extrakt der südafrikanischen Uzarawurzel (Xysmalobium undulatum) hemmt dagegen die Peristaltik im Darm und lindert auf diese Weise Durchfall sogar bei Morbus Crohn. Bewährt hat sich darüber hinaus eine Fixkombination aus Kohle, Kamille und Myrrhe, die adstringierend, krampflösend und entzündungshemmend wirkt.
 
Den Darm bei Obstipation sanft anregen
Floh- oder Leinsamen sind aufgrund ihres hohen Gehalts an Schleimstoffen gut geeignet, den Darm zu befeuchten. Sie sollten vorab quellen und mit reichlich Flüssigkeit eingenommen werden. Im Falle einer Obstipation sollte neben der Ernährung daher das Trinkverhalten unter die Lupe genommen werden. Darauf angesprochen räumen viele Betroffene nicht nur ein, dass sie sich ballaststoffarm ernähren, sie trinken auch sehr wenig. Greifen sie dann zu Floh- oder Leinsamen, fehlen gegebenenfalls Flüssigkeiten, sodass die Samen nicht aufquellen können. Dadurch können die Beschwerden unter Umständen zunehmen.
Laxantien wie Aloe-vera-Extrakte, Faulbaumrinde, Rhabarberwurzel oder Sennesfrüchte enthalten hydragog wirkende Anthrachinonderivate, die das Darmvolumen erhöhen. Zugleich regen sie die Darmperistaltik an. Dabei begünstigen sie jedoch Mineralstoffverluste. Aus diesem Grund sollte nicht nur ihre Daueranwendung unterbleiben, es sollten auch Interaktionsrisiken mit entsprechend wirkenden Arzneistoffen im Einzelfall vor einer Einnahme ausgeschlossen werden.
 
Hilfe bei Reizdarm
Vom Reizdarm spricht man bei chronischen, länger als drei Monate bestehenden Darmbeschwerden mit Blähungen, Schmerzen und einem Wechsel von Diarrhö und Obstipation, wenn sie die Lebensqualität beeinträchtigen und keine andere Erkrankung für die Beschwerden nachweisbar ist. Stress und psychoemotionale Belastungen verschlechtern bei den Betroffenen oftmals das Befinden. Im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen konnte bisher ein medizinischer Nutzen von Anis (Anis fructus), Fenchel, Koriander (Coriandri fructus), Kümmel - auch als Öl -, Melisseblättern und Pfefferminze bei Blähungen nachgewiesen werden.
Eine Diarrhö linderten in Studien dagegen Aktivkohle, Brombeer- und Himbeerblätter sowie Kamille, Myrrhe und schwarzer Tee (Theae nigrae folium).
 
Wiederherstellung eines gesunden Mikrobioms
Doch sollte man bei Verdauungsstörungen nicht nur das Symptom behandeln, wenn beim Reizdarm und anderen Beschwerden im Gastrointestinaltrakt eine Dysbalance der natürlichen Darmflora zugrunde liegt. Bakterienstämme, die wichtig für die Darmgesundheit sind, sind dann vielfach vermindert, wohingegen Bakterien, die Darmerkrankungen begünstigen, vermehrt nachweisbar sind. Mögliche Gründe können Stress, die Einnahme von Medikamenten, aber auch die Ernährung sein. Dann ist es sinnvoll, diese Veränderung des Mikrobioms zu beheben. Hierzu sind unterschiedliche Präparate erhältlich, die meist aus einer Mischung von Lactobazillen und Bifidobakterien zusammengesetzt sind. Andere enthalten dagegen Enterococcus faecalis oder Escherichia coli in inaktivierter Form. Vielen Produkten werden außerdem Präbiotika wie Inulin zugefügt, damit diese die gesunde Darmflora nähren. Bei regelmäßiger Anwendung stellen die Präparate langfristig die gesunde Darmtätigkeit wieder her und leisten somit nach und nach einen wichtigen Beitrag zur Behebung der Krankheitsursache.
 
Die psychische Belastbarkeit verbessern
Wenn psychoemotionale Belastungen oder Stress Beschwerden im Magen- Darm-Trakt auslösen, benötigen die Betroffenen ergänzend Heilpflanzen, die die Resilienz stärken. Hierzu können neben Melisse und Lavendel (Lavandulae flos) auch Baldrian (Valerianae radix), Eisenkraut (Verbenae herba), Hafer (Avenae herba) oder Hopfen (Lupuli flos) beitragen. Bei der gemeinsamen Anwendung von Arzneipflanzen und Medikamenten sollten allerdings immer mögliche Wechselwirkungen ausgeschlossen werden. Zudem kann im Einzelfall aufgrund von Kontraindikationen die Anwendung einzelner Heilpflanzen ausgeschlossen sein.
Quelle: Autorin: Sabine Ritter, Apothekerin, Heilpraktikerin und Medizinjournalistin. www.ritter-tcm.de Literatur bei der Autorin
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