Kindliche Kopfschmerzen | Naturmedizin 4/2019

Mind-Body-Therapien und progressive Muskelentspannung

Zertifizierte Fortbildung
Primäre Kopfschmerzen haben eine hohe Prävalenz – weltweit leiden zeitweise mehr als 50 % der Kinder darunter. Medikamente können zwar die Schmerzen lindern, jedoch keine ursächliche Behandlung bieten. Da Kopfschmerzen nachweisbar mit Stress assoziiert sind, können Techniken zur Stressbewältigung helfen. Die transzendentale Meditation, die Hypnotherapie und die progressive Muskelrelaxation wurden nun in einer aktuellen Studie mit unter Kopfschmerz leidenden Kindern getestet.
Ein durchaus ernst zu nehmendes Problem stellen kindliche Kopfschmerzen dar, denn sie können die Lebensqualität und emotionale Situation der betroffenen Kinder erheblich beeinflussen. Am häufigsten sind Kinder von rezidivierenden Kopfschmerzen, Spannungskopfschmerz und Migräne betroffen. Die Behandlung ist eine Herausforderung. Triptane und Ibuprofen wirken nachgewiesen schmerzlindernd, eignen sich aber nur für die kurzzeitige Akutbehandlung. Außerdem sind sie mit Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, Übelkeit und Erbrechen verbunden und können bei dauerhaftem Gebrauch wiederum selbst Kopfschmerzen auslösen.
 
Nicht medikamentöse Optionen
Für die kognitive Verhaltenstherapie gibt es zwar eine gute Evidenz – sie ist in der Lage, die Häufigkeit und Schwere kindlicher Kopfschmerzen zu reduzieren –, jedoch ist sie in der Praxis nicht immer umsetzbar. Zu den Nachteilen gehört, dass psychotherapeutische Interventionen häufig abgelehnt werden und sie zeit- und kostspielig sind. Außerdem ist die kognitive Verhaltenstherapie primär bei älteren Kindern wirksam, die zur Metakognition fähig sind. Hier kommen andere Stressmanagementprogramme der Mind-Body-Therapien ins Spiel. Nachgewiesen ist deren stresslindernde Wirkung. Aber die Evidenzlage ist bislang nicht ausreichend, um zu belegen, dass beispielsweise Meditation, Biofeedback oder Hypnose bei kindlichen Kopfschmerzen wirksam sind. Eine Studie zeigte, dass Meditation und Muskelentspannung Kopfschmerzen bessern können. Eine andere, dass Biofeedback und Muskelentspannung noch effektiver waren, als die Muskelentspannung allein. Nur waren die Teilnehmer der Studien ausschließlich Erwachsene. Nun liegt auch eine Studie zum Thema pädiatrischer Kopfschmerz, Meditation, Hypnotherapie und progessiver Muskelentspannung vor.
 
Mind-Body-Therapien und progressive Muskelrelaxation
Die randomisierte, kontrollierte Studie von Wissenschaftlern aus den Niederlanden und der Schweiz untersuchte die transzendentale Meditation (TM) und die Hypnotherapie (HT), weil sie erstens zwei sehr unterschiedliche Mind-Body-Therapien darstellen und zweitens Beweise für ihre positiven Effekte auf Schmerz, Stress und Angstempfinden vorliegen. Verglichen wurden die Methoden mit der progressiven Muskelrelaxation (PMR), die für eine stressreduzierende und schmerzlindernde Wirkung bekannt ist. 131 Kinder im Alter zwischen 9 und 18 Jahren (Durchschnittsalter 13,3 Jahre, 77 % weiblich) mit Kopfschmerzen, die mehr als zweimal pro Monat auftraten, wurden in drei Gruppen eingeteilt. Über drei Monate praktizierten 42 Kinder transzendentale Meditation, 45 Kinder bekamen eine Hypnotherapie und 44 übten sich in progressiver Muskelrelaxation. Alle Kinder erhielten parallel je nach Bedarf die konventionelle medizinische Versorgung.
 
Transzendentale Meditation
Die transzendentrale Meditation ist eine leicht abgewandelte Form des traditionellen Yoga, die eine Reihe meditativer Übungen umfasst. Die Methode soll sich durch ihre Einfachheit auszeichnen. Im aufrechten Sitz werden mit geschlossenen Augen gedanklich Mantren, bestimmte Wörter aus dem Sanskrit, wiederholt. Die an der vorliegenden Studien teilnehmenden Kinder bekamen fünf Einzelsitzungen mit einer Dauer von 60 bis 90 Minuten zum Erlernen der Technik. Danach sollten sie täglich zehn Minuten meditieren – über einen Zeitraum von drei Monaten.
 
Hypnotherapie
Die Hypnotherapie (HT) ist ein Verfahren, mit dem Verhalten, Kognitionen und affektive Muster mithilfe des veränderten Bewusstseinszustands der Hypnose beeinflusst werden, um biologische Veränderungen für Heilungsprozesse zu fördern und die Wahrnehmung für belastende Ereignisse zu fördern. Die Hypnotherapie arbeitet mit Trancezuständen und therapeutischer Suggestion. In vorliegender Studie wurde ein angepasstes HT-Protokoll für pädiatrische Bauchschmerzen verwendet.
Die Kinder bekamen über einen Zeitraum von drei Monaten sechs individuelle HT-Sitzungen von jeweils 50 Minuten Dauer. Nach jeder Sitzung wurden die Kinder gebeten, zu Hause täglich Selbsthypnose durchzuführen oder die aufgezeichneten Sitzungen anzuhören.
 
Progressive Muskelrelaxation
Die progressive Muskelrelaxation (PMR) ist ein von Edmund Jacobson entwickeltes Entspannungsverfahren. Durch willentliche und bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen soll ein Entspannungszustand des ganzen Körpers erreicht werden. Der Übende soll sich auf den Wechsel zwischen An- und Entspannung konzentrieren und die dadurch ausgelösten Empfindungen. Körperliche Unruhe, Schmerzzustände und Muskelverspannungen sollen dadurch gelöst werden sowie die Körperwahrnehmung verbessert werden. Die Kinder der aktiven Kontrollgruppe erhielten innerhalb von drei Monaten sechs PMR-Sitzungen und Hausübungen für die tägliche Praxis.
 
Schmerzreduktion
Zu Beginn wurde der Schweregrad des Kopfschmerzes mittels Vier-Punkt-Likert- Skala, eines Verfahrens zur Messung persönlicher Einstellungen, erhoben. Nach drei und neun Monaten wurde erneut kontrolliert, außerdem führten die Kinder ein Kopfschmerztagebuch.
Eine Reduzierung um >50 % in der mittleren Häufigkeit der primären Kopfschmerzattacken wurde als klinisch relevant deklariert und als primäres Ergebnis gewählt. Angst- und Depressionssymptome sowie weitere Somatisierungswerte wurden als sekundäre Ergebnisse mittels verschiedener Skalen gemessen.
In allen drei Gruppen gab es statistisch signifikante Verbesserungen der primären und sekundären Endpunkte ohne relevante Unterschiede. Hypnotherapie, Meditation und progressive Muskelrelaxation verbesserten die Kopfschmerzen durchschnittlich um >50 % bei 32 % der Kinder nach drei Monaten und um >50 % bei 43 % der Kinder nach neun Monaten.
Depressionssymptome gingen statistisch signifikant in allen drei Gruppen nach neun Monaten zurück. Unerwünschte Ereignisse traten in keiner Gruppe auf. Der Einsatz von Schmerzmitteln konnte in allen Gruppen signifikant reduziert werden.
 
Geschlechtsunterschiede und Placeboeffekte
Ungeachtet der Tatsache, dass 77 % der teilnehmenden Kinder weiblichen Geschlechts waren, ergaben weitere Auswertungen, dass die Interventionen bei Mädchen besser wirkten als bei Jungen. Woran das liegen könnte, konnte nicht festgestellt werden.
Placeboeffekte in Kopfschmerzstudien machen ungefähr 14,1 % aus, die beobachteten Effekte von HT, TM und PMR zeigen also mit Rückgewinnungsraten zwischen 37 und 44 % zu einem großen Teil spezifische Behandlungseffekte.
Weitere Studien mit einer größeren Teilnehmerzahl sind erforderlich. Jedoch deuten die Ergebnisse der vorliegenden Studie darauf hin, dass die Mind-Body-Therapien – transzendentale Meditation und Hypnotherapie – sowie die progressive Muskelrelaxation sinnvolle nicht medikamentöse Behandlungsoptionen für kindliche Kopfschmerzen sein können.


Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer CME-Fortbildung.

Quelle: Jong MC et al.: Hypnotherapy or transcendental meditation versus progressive muscle relaxation exercises in the treatment of children with primary headaches: a multi-centre, pragmatic, randomised clinical study. 178(2): 147-54

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