Große prospektive Kohortenstudie in Deutschland | Naturmedizin 4/2019

Magen-Darm-Infekte erhöhen das Parkinson-Risiko

Es liegen neuroanatomische Hinweise vor, dass der Morbus Parkinson im enterischen Nervensystem beginnen könnte. Jetzt untersuchten deutsche Ärzte in einer prospektiven Kohortenstudie, ob gehäufte Gastrointestinal- Infektionen (GII) das Parkinson-Risiko erhöhen können. So scheint es in der Tat zu sein.
Eine Stichprobe der größten deutschen Krankenkasse (AOK) wurde vom 1. Januar 2005 an durchschnittlich 8,6 Jahre (median: 11,0 Jahre) nachbeobachtet. Von 228.485 Über-50-Jährigen litten 50.492 Personen (22,1 %) an GII.
Am häufigsten traten eine infektiöse Gastroenteritis und Kolitis nicht spezifizierten Ursprungs (Infectious gastroenteritis and colitis of unspecified origin, IGCU; n = 39.093, 17,1 %) auf, gefolgt von Darminfektionen durch Viren (VII; n = 9.328, 4,1 %) und durch Bakterien (BII; n = 9.298, 4,1 %).
Insgesamt 6.195 Personen (2,7 %) entwickelten einen Morbus Parkinson. Die kumulative Parkinson-Inzidenz war bei den Personen mit GII signifikant höher (p = 0,001). Bei einer Inzidenzrate von 4,69 vs. 2,95 ergab die multivariate Regressionsanalyse gegenüber der Kontrollgruppe ein um 42 % erhöhtes Parkinson-Risiko (Hazard Ratio: 1,42; 95 %-KI: 1,33 - 1,52).
Subgruppenanalysen zeigten durchgängig positive Assoziationen zwischen den GII und der Parkinson- Erkrankung: Dies betraf Männer (HR: 1,48) und Frauen (HR: 1,38) sowie Personen im Alter von ≥ 70 Jahren (HR: 1,25) sowie Personen mit und ohne chronisch obstruktive Lungenerkrankung (HR: 1,40 bzw. 1,43). In einer Sekundäranalyse erhöhten alle Arten von GII, also BII, VII und IGCU, das Parkinson-Risiko vergleichbar stark (HR: 1,30, 1,31 bzw. 1,34).

Kommentar

Den robusten Zusammenhang von GI-Infektionen und Parkinson- Erkrankung könnte ein Modell erklären: Beim Morbus Parkinson breitet sich aggregiertes a-Synuclein prionartig von der Peripherie (z. B. Plexus entericus) über den Vagusnerv zum ZNS hin aus. Bakterielle und virale Erreger, die die Schleimhaut des GI-Trakts durchbrechen, können die Aggregation von a-Synuclein in enterischen Neuronen auslösen und ihren retrograden Transport zum ZNS initiieren. Zudem exprimieren mehrere Darmbakterienarten Amyloid-Proteine, die die a-Synuclein-Aggregation fördern könnten. Unter anderem zeigen Darmwandbiopsien nach Norovirus-Infektionen eine erhöhte a-Synuclein-Expression in enterischen Neuronen, die Monate nach Abklingen der Infektion fortbestehen.
Quelle: Nerius M et al.: GI infections are associated with an increased risk of Parkinson‘s disease. Gut 2019 [Epub 14. Juni; doi: 10.1136/gutjnl-2019-318822]

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Ihr Zugang zu exklusiven Inhalten für Fachkreise

Login für Fachkreise

Neu registrieren

Passwort vergessen?