Im Gespräch | Naturmedizin 2/2019

Ketogene Ernährung bei chronischen Erkrankungen

Der Wortbestandteil „keto“ weist auf die sogenannten Ketone hin. Diese generiert der Körper, wenn extrem wenig Kohlenhydrate zur Verfügung stehen und wir Protein nur in moderaten Mengen zu uns nehmen: Der „Glucose-Keton-Schalter“ wird umgelegt, die Leber wandelt Fett in Ketonkörper um und stellt sie Körper und Gehirn als Energielieferanten zur Verfügung – sogar bevorzugt! Dr. Markus Bock ist Arzt und Neurowissenschaftler und setzt eine von ihm modifizierte Variante der ketogenen Ernährung (KE) erfolgreich bei MS-Patienten, aber auch bei anderen chronischen Erkrankungen um.

Sie sprechen bei Ihrer KE von adaptiert ketogen – gegenüber der traditionellen ketogenen Diät. Wo liegen die Hauptunterschiede?
Die traditionelle KE nutzt ein Verhältnis von 4 zu 1: Gesamtmasse Fett, zu Gesamtmasse Eiweißen/ Kohlenhydraten. Dann hat man in der Behandlung von Kindern mit therapierefraktärer Epilepsie – und daher kommt ja die KE – herausgefunden, dass auch ein geringerer Fettanteil Erfolg bringt: Auch bei 3:1 oder 2:1 werden die Anfälle stabil reduziert. Meine KE hat ein variables auf den jeweiligen Patienten abgestimmtes Verhältnis zwischen 1:1 bis 4:1. Das Entscheidende ist 
aber, dass ich die Gemüse freigebe! Gestört hat mich sehr an Atkins und anderen, dass die tierischen Produkte im Vordergrund stehen. Es muss ein vernünftiges Verhältnis sein zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten, wobei die pflanzlichen überwiegen müssen.
 
Welche Wirkung hat die KE auf den Cholesterinspiegel?
Es kann sein, dass sich die Cholesterinsynthese verstärkt – dann ist die Differenzierung HDL/LDL wichtig. Es stimmt, in einigen bisherigen Studien stieg das LDL. Meine Erfahrung mit der adaptierten KE ist, dass sich HDL leicht bis stark erhöht und LDL stabilisiert, je nach genetischer Prädisposition. Ich habe eine andere Fettsäurebilanz als die anderen KEs, nämlich eine hohe Zufuhr von Omega 3, optimalerweise Omega 6 zu Omega 3 im Verhältnis 2:1. Und eine hohe Zufuhr von Faserstoffen. Man muss langfristig die Laborwerte beobachten und auch in LDL-Subfraktionen hineinschauen: oxidiertes LDL, small dense LDL.
 
Bei Herz-Kreislauf-Hochrisikopatienten wird ja ein LDL-Spiegel von unter 70 empfohlen ...
Ja, aber man muss sich als Arzt die Frage stellen: Wen therapiere ich? Einen Patienten oder irgendeinen Laborparameter? Ich therapiere Patienten! Wenn also so ein Wert in den Leitlinien vorgegeben wird, muss ich fragen: Wer sitzt in den Gremien? Welche Zusammenhänge sind zur Statine herstellenden Pharmaindustrie da? Ja, es gibt große Studien, die zeigen, dass LDL ein Risikoparameter ist. Aber es gibt auch viele andere Parameter, wie 
Triglyceride, Leberenzyme, Gamma GT, Harnsäure, Adiopositas. Wenn ich also dem Patienten eine Ernährung an die Hand gebe, die isokalorisch oder sogar hyperkalorisch ist, er trotzdem darunter abnimmt und ich sehe, dass sich alle anderen Werte verbessern. Dann kann ich nicht einzig und allein auf das LDL schauen, das eventuell noch nicht unter 70 ist. Leitlinienkonform zu behandeln, ist problemlos auch unter KE möglich. Ich habe es beobachtet: Statine wirken unter KE sogar besser.
 
Sie kombinieren Ihre KE auch mit Fastenphasen. Addieren sich die Effekte?
KE und Fasten sind wie Geschwister, aber auch Geschwister haben eigene Charakterzüge. Das Fasten kann nicht dauerhaft durchgeführt werden und die KE bringt den Körper langfristig in einen Bereich, in dem er in einer maximalen Fettverbrennung ist – eigentlich wie ein Ausdauersport von innen. Man hat damit auch einen Trainingseffekt. Fasten wirkt wie ein Booster, der den ketogenen Effekt verstärkt, aber auch eigene Effekte hat. Beides in der richtigen Kombination eingesetzt, addiert nicht nur die Gesundheitseffekte, sondern potenziert diese.
 
Haben Sie Patienten, die KE mit Intervallfasten oder Tag-zu-Tag- Fasten kombinieren?
Ja, das Dinner-Cancelling, oder wie es jetzt heißt das 16:8-Fasten mache ich seit Jahren, grade mit adipösen Patienten oder Diabetikern. Es ist wichtig, dass der Körper lange in Phasen ist, wo er sich selber regulieren muss. Diabetiker reagieren oft besonders günstig auf Fastenphasen: Gewicht und Blutzucker gehen runter. Oft sind dies aber auch genau die Patienten, denen es sehr schwerfällt, zeitweilig auf Nahrung zu verzichten – die Begleitung ist also eine Herausforderung. Man muss aber nicht starr bei 16:8 bleiben. Ich biete personalisierte Medizin.
 
Die US-amerikanische Ärztin, Sarah Hallberg, sagt: Wenn Sie Diabetiker sind, müssen Sie als Erstes die Leitlinien ignorieren. Warum ist die konsequente Kohlehydratreduktion nicht Behandlungsstandard?
Es war ja Standard! Bis vor rund 100 Jahren gab es noch keine Insulintherapie. Da sind die Leute mit Diabetes auf kohlenhydratarmer Ernährung alt geworden. Dann kam die Insulinentdeckung – und das ist ja so schön bequem. Im Prinzip wissen wir ja schon lange, wie gefährlich Zucker ist, auch für das Herz-Kreislauf-System, aber dieses Wissen wurde lange sabotiert.
 
Einige denken bei Ketonen an die Ketoazidose. Ist dies eine Gefahr, z. B. für Ihre Diabetespatienten?
Nur bei schlecht therapierten Diabetes-Typ-1-Patienten, also kein Thema für Diabetes-Typ-2-Patienten, weil sie keinen absoluten Insulinmangel haben. Aber auch Typ-1-Diabetiker profitieren von einer ketogenen Ernährung. Einer Ketoazidose geht meist eine kohlenhydratreiche Ernährung voraus.
 
Mit welchem Faktor erklären Sie die positive Wirkung bei MS-Patienten? Ist es der gleichmäßig niedrige Zucker- und Insulinspiegel? Hat es mit den Mitochondrien zu tun? Sind es die Ketonkörper selber?
Es steht fest: Die Ketonkörper wirken neuroprotektiv, es gibt Vorteile für die Mitochondrien – aber es scheint nicht der einzelne Mechanismus zu sein, sondern insgesamt die Selbstregulation des Körpers wird wieder hergestellt, das Immunsystem und die Darmmikrobiota harmonisiert sowie entzündungsfördernde Gene herunterreguliert.
 
Welche Art der Besserung, qualitativ und quantitativ, können Ihre MS-Patienten erwarten?
Die Lebensqualität steigt, körperlich und psychisch. Harte Parameter sind: Zunahme der regulatorischen Zellen, weiße Blutkörperchen nehmen anzahlmäßig ab. Die Patienten berichten über eine höhere Leistungsfähigkeit. Die Spastik, eine häufige Einschränkung beim Gehen, wird oft besser. Klinische Parameter sind z. B. die bessere Gehfähigkeit, die Verlängerung der Gehstrecke. Eine Folgestudie zu meiner ersten Studie ist auf dem Weg.
Quelle:

Autor

Das Interview führte Frank Aschoff. Frank Aschoff ist Fachjournalist (DJK), spezialisiert auf Wissenschafts-/Medizinjournalismus. E-Mail: frank.aschoff@web.de www.frankaschoff.com www.fasten-heute.com www.achtsamkeit-heute.com

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