Ganzheitliche Medizinsysteme und Schulmedizin | Naturmedizin 2/2018

Wie geht es gemeinsam?

Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Möglichkeiten der Zusammenarbeit: Damit beschäftigen sich Erik W. Baars und Harald J. Hamre in ihrer aktuellen Übersichtsarbeit. Sie definieren darin Faktoren, die eine Integration ganzheitlicher Systeme in die konventionelle Medizin fördern, und geben Empfehlungen für zukünftige Integrationsbemühungen.
Baars und Hamre überprüften die Literatur zu den Merkmalen von T / CAM anhand sechs ausgewählter Systeme (Tab. 1), zu ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten mit der Schulmedizin. Aus dieser Überprüfung entwickelten sie wissenschaftliche und klinische Praxisfragen, die geklärt werden sollten, um den Integrationsprozess zu fördern.
 
Tradition und Moderne
 
Verschiedene Kulturen in allen Teilen der Welt haben bzw. hatten schon immer eigene Medizinsysteme. Auch im Jahr 2018 existieren traditionelle und ganzheitliche Systeme in nahezu allen Ländern der Erde neben der evidenzbasierten Medizin (EBM). In westlichen Kulturen herrscht mittlerweile die EBM / Schulmedzin vor, die in den seit dem Mittelalter entwickelten Naturwissenschaften wurzelt. Doch wird die traditionelle / ganzheitliche Medizin zunehmend von Patienten gewünscht, und auch an einigen wenigen Universitäten hält sie Einzug, z. B. an der Charité Universität Berlin oder in den USA am Academic Consortium for Integrative Medicine & Health.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) startete 2014 die „Traditional Medicine Strategy: 2014 – 2023“ mit dem Ziel, T/CAM in die konventionelle Medizin zu integrieren. Die Integration könne zu aktuellen Themen der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitswesens beitragen, etwa zur Entwicklung von Strategien für gesundes Altern, zur Förderung der Selbstregulation und zur Kontrolle der Gesundheitsausgaben, so die Stellungnahme der WHO.
 
Erfreuliche Entwicklungen
 
Positive Beispiele, die die Strategie der WHO stützen, finden sich u. a. in Indien und Thailand. So wurde in Indien das AYUSH-System (Ayurveda, Yoga, Naturheilkunde, Unani, Siddha und Homöopathie) erfolgreich in das konventionelle Medizinsystem integriert. Besonders gut funktioniert die kombinierte Behandlung von Ayurveda und EBM bei der Elefantiasis. Der Oxford-Professor Terence Ryan erhielt für dieses Projekt einen Preis der International Society of Dermatology für sein Lebenswerk.
In Thailand kommen zunehmend Achtsamkeitstechniken bei der Behandlung depressiver Störungen zum Einsatz.
In Japan wurden viele Komponenten der Yogamedizin in die Geriatrie aufgenommen. Auch zur Verringerung von Antibiotikaverschreibungen und damit als Strategie gegen weltweit zunehmende Antibiotikaresistenzen werden T / CAM angewendet. Trennung statt Integration Doch wie ist die Lage in westlichen Ländern? Während hier bis zum Ende des 20. Jahrhunderts traditionelle Medizinsysteme neben der klinischen Praxis praktiziert oder gar in die Schulmedizin integriert wurden, hat sich diese Situation durch zwei miteinander verbundene Entwicklungen verändert. Die erste Entwicklung ist die zunehmende Dominanz der evidenzbasierten Medizin (EBM) seit den 1990er-Jahren. Es werden nur Therapien mit qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Erkenntnissen (aus systemischen Reviews und Metaanalysen randomisierter kontrollierter Studien) akzeptiert. Obwohl in der Praxis viele medizinische Leitlinien auf qualitativ schlechteren wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, verwenden Gegner den Mangel an geeigneten wissenschaftlichen Beweisen als Hauptargument gegen die Integration von T / CAM in die Schulmedizin.
Die zweite Entwicklung hat mit den Wurzeln der Wissenschaft in der Theorieentwicklung und Theorieprüfung zu tun. Die Dominanz des biomedizinischen Krankheitsmodells, nach dem Krankheiten durch Störungen von Körperfunktionen entstehen, die biochemisch oder physikalisch nachweisbar sind, führte zu einer zunehmenden Kritik an T / CAM. Obwohl in der Wissenschaft derzeit das reduktionistische Modell zunehmend infrage gestellt wird, gilt es Gegnern noch immer als Argument gegen eine Integration.
 
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
 
Es gibt nicht nur Unterschiede (siehe Tab. 2). Einige Bereiche und Entwicklungen der Schulmedizin zeigen Gemeinsamkeiten:
  • die Entwicklung von Ansätzen einer personalisierten Medizin / Individualisierung zusätzlich zur Leitlinie
  • die Verwendung und der Stellenwert eines professionellen, aber subjektiven Urteils in einigen Bereichen der klinischen Praxis (z. B. Interpretation von Röntgenbildern)
  • die zunehmende Nutzung komplexer Interventionen
  • Systemansätze in Diagnostik und Therapie (z. B. Systembiologie, Epigenetik, Emergenztheorien, Metabolomik, Netzwerkmedizin, Polytarget-Behandlung)
  • gemeinsame Entscheidungsfindung
  • Entwicklung ganzheitlich-dynamischer Gesundheitskonzepte
  • Verwendung von Mustererkennungsmethoden
  • die zunehmende Anerkennung, dass randomisierte, klinisch kontrollierte Studien (RCTs) nicht überall anwendbar sind, und die Öffnung für andere Studientypen
  • das zunehmende Verständnis dafür, dass klinische Studien allein nicht in der Lage sind, die Komplexität klinischer Bedingungen und Therapieoptionen zu erforschen
  • die zunehmende Rolle von Patientenpräferenzen und Patientenautonomie
  • die zunehmende Anerkennung der Tatsache, dass eine RCT-basierte Praxis auch in einigen Bereichen der Schulmedizin nur marginal vorhanden ist (z. B. Kinderchirurgie, Notfallmedizin, Impfungen)

Grundsätzliche Voraussetzungen für eine Integration

Die Nachfrage der Bevölkerung wächst, aber Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft müssen die Integration auch erst einmal wollen und aktiv vorantreiben. Eine entsprechende Gesetzgebung, die Angebote und Qualitätsmerkmale der T / CAM-Therapien bestimmt und reguliert, wäre eine Grundvoraussetzung. Ärzte und Praktiker beider Systeme müssen voneinander lernen und über Jahre miteinander arbeiten. Außerdem bedarf es der Definition von Qualitätsstandards der T / CAM-Therapien, die die Schulung der Anbieter, die Behandlungen selbst und die pharmazeutische Qualität der Arzneien regeln. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Finanzierung, Durchführung und Veröffentlichung von wissenschaftlichen Forschungsstudien sind für eine Integration unabdingbar.

 

Es hapert an der Herangehensweise

Alle untersuchten T / CAM nehmen eine nicht atomistische, ganzheitliche ontologische Position in Bezug auf das Wesen der Realität ein. Das bedeutet, dass sie zusätzlich zu den materiellen Elementen und Kräften, die Existenz nicht materieller Kräfte, die in der Natur und im Menschen wirken, anerkennen und in Bezug zu Gesundheit und Krankheit setzen.
Aufgrund dieser dem biomedizinischen Modell entgegenstehenden Ausgangsannahme ergibt sich ein grundsätzliches Missverhältnis zwischen EBM und T / CAM.
Möchte man T / CAM-Systeme wissenschaftlich erklärbar machen, muss zwischen ontologischen, erkenntnistheoretischen und methodischen Fragen, die für das Gesamtverständnis und die Bewertung von T / CAM relevant sind, und spezifischen Fragen, die für die Diagnostik, Therapie und Ergebnisbewertung in der klinischen Praxis relevant sind, unterschieden werden.
 
Beispiel T / CAM-Arzneien
 
Am Beispiel der T/CAM-Arzneien wird deutlich, dass die grundsätzlichen Unterschiede zur Pharmakotherapie der EBM eine Gleichbehandlung nicht möglich machten. Hier lassen sich folgende Feststellungen treffen:
(1) T / CAM-Arzneien werden unzureichend getestet, da sie nicht mit konventionellen Interessen von biomedizinischen Modellen übereinstimmen.
(2) T/CAM-Arzneien werden i. d. R. wie standardisierte konventionelle Arzneimittel gesehen, während sie aber auch als Teil einer komplexen Intervention gesehen werden sollten.
(3) Die Wirkung von T / CAM-Arzneien werden mit den Wirkungen schulmedizinischer Arzneien (Symptomreduktion) verglichen, während sie als kurative, gesundheitsfördernde Therapien gesehen werden sollten, die die Selbstheilungskräfte des Organismus unterstützen.
(4) T / CAM-Arzneien werden für konventionelle Indikationen basierend auf gruppenorientierter Taxonomie und Diagnostik getestet, während sie für individualisierte T / CAM-Indikationen getestet werden sollten.
(5) Es wird angenommen, dass T / CAM-Arzneien spezifische biochemische Wirkungen haben, wobei viele dieser Arzneien (primär) auf höhere Ebenen ausgerichtet sind. Das Wirkungsziel ist die Regulierung und Harmonisierung von übergreifenden komplexen physiologischen und psychologischen Prozessen.
(6) T/CAM-Arzneien sollten auch anhand ihrer langjährigen erfahrungsmäßigen Anwendung betrachtet und bewertet werden.
 
Die Hauptkonsequenzen dieser Missverhältnisse ist eine Unterrepräsentation von Wissenschaftlern, die sich mit T / CAM beschäftigen, sowie kaum bzw. wenige öffentliche Gelder für die Forschung auf diesem Gebiet.
Auch werden viele T / CAM-Arzneien nicht klinisch beforscht und können somit nicht als Arzneien in Verkehr gebracht werden. Die Studien, die durchgeführt werden, sind nicht in der Lage, die positiven Auswirkungen auf Systemebene darzustellen, was die Gefahr falsch-negativer Ergebnisse deutlich erhöht. So tauchen T / CAM-Arzneien auf auch kaum in Behandlungsrichtlinien / Leitlinien und werden so auch nicht Teil des Expertenwissens.
 
Empfehlungen für den Integrationsprozess: Methodische Probleme
 
Forschungsmethoden / -designs sollten sich auf Folgendes konzentrieren:
  • eine „umgekehrte Forschungsstrategie“ zur Bewertung von T / CAM
  • Berücksichtigung der Komplexität von T / CAM-Interventionen und der Rolle von Expertenwissen, Intuition und Individualisierung von Diagnostik und Therapie
  • die gesundheitsökonomische Bewertung von T / CAM-Behandlungen
  • die komplexen Mechanismen von Placebophänomenen

Probleme der klinischen Praxis

Für die zukünftige Entwicklung und Umsetzung von integrativen Behandlungsansätzen sollte entwickelt / berücksichtigt werden:

  • Alternativen für Protokolle und Leitlinien, die den ganzheitlichen und individualisierten Behandlungsansätzen entsprechen
  • die integrierte Verwendung von Doppeldiagnosen (aus beiden Systemen)
  • die integrierte Nutzung von analytischem und systemischem Denken

Dieser Überblick soll dabei helfen, mehr Klarheit zu schaffen, und einen objektiven Input für rationale Diskussionen liefern, so Baars und Hamre. Ihr Fazit: Es geht gemeinsam.

Quelle: Baars E W; Hamre H J: Whole medical … Evid. Based Complement. a. Alternat. Med. 2017; https:// doi.org/10.1155/2017/4904930

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