Depressionen | Naturmedizin 2/2019

Wenn die Seele schmerzt, hilft Akupunktur

Bereits im Jahr 2020 könnten Depressionen weltweit die häufigste bis zweithäufigste Volkskrankheit sein. Mit etwa vier Millionen Erkrankten gehört sie in Deutschland schon heute zu den am weitesten verbreiteten Beschwerden. Nach Meinung und Erfahrung vieler Ärzte und Patienten kann Akupunktur helfen, die Krankheit in den Griff zu bekommen. Die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA) gibt Einblick in die Wirkungsweise der über 2.000 Jahre alten Erfahrungsmedizin.

Depressionen können sich in unterschiedlichen Formen und Schweregraden zeigen. Ihre Auslöser sind verschiedenster Natur. Lebensumstände, Belastungen, genetische Faktoren, aber auch Jahreszeiten begünstigen – oftmals im Zusammenspiel – eine depressive Erkrankung.
Jeder fünfte Bundesbürger leidet mindestens einmal im Leben an einer Depression. Eine frühe Diagnose und eine individuell abgestimmte Therapie sind ausschlaggebend für eine erfolgreiche Behandlung.
Als etablierte Methode wird heute in der Regel eine Kombination von Medikation (z. B. durch Verordnung von Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und Psycho- oder Verhaltenstherapien eingesetzt.
Die sogenannten „multimodalen“ Therapien können darüber hinaus mit heilungsförderlichen Licht-, Ergo- und Kunsttherapien oder Sport ergänzt werden. Im stationären Bereich zählt auch die Ohr-Akupunktur zu den verbreiteten Verfahren eines komplementären Behandlungskonzepts.
Derzeit überwiegend ambulant praktiziert wird die Körperakupunktur. Ihr positiver Einfluss auf die Symptome einer depressiven Erkrankung konnte bereits im Rahmen zahlreicher belastbarer Studien nachgewiesen werden.
 
Effektivität mit geringen Nebenwirkungen
 
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) setzt die Akupunktur schon lange zur Behandlung von Depressionen ein. In Deutschland gilt die Wirksamkeit des komplementärmedizinischen Verfahrens bei bestimmten Krankheitsbildern als wissenschaftlich erwiesen und ist anerkannt. Dazu gehören beispielsweise Knieschmerzen bei Arthrose und Rückenschmerzen. Hier übernehmen in der Regel die Krankenkassen die Kosten einer Behandlung.
Dass Akupunktur auch bei Depressionen erfolgreich eingesetzt werden kann, weisen zahlreiche Auswertungen weltweit durchgeführter Studien nach. Wissenschaftlich betrachtet führt das Setzen der Nadeln zu einer Reaktion an der Einstichstelle – und infolgedessen zu einem regulierenden Gegenimpuls von Muskeln, Bindegewebe, Nerven und Botenstoffen. Auf Rückenmarksebene werden Mechanismen zur Schmerzhemmung angeregt. Auch bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie zeigen die Wirkung der Akupunktur: Spezielle Hirnbereiche, die für die Verarbeitung von Schmerzen und anderen Krankheitssymptomen zuständig sind, zeigen eine stark erhöhte Aktivität. Zentral für die Behandlung depressiver Erkrankungen ist darüber hinaus die positive Einflussnahme der Akupunktur auf Hirnbereiche des limbischen Systems, das für die Verarbeitung von Emotionen eine wichtige Rolle spielt.
Mit zunehmender Bestätigung ihrer Wirksamkeit durch die Wissenschaft wächst das Interesse an der Akupunktur als alternative und komplementäre Therapieform. Gerade im Bereich der multimodalen Behandlungen, die nachweislich langfristiger Wirkung zeigen als Einzeltherapien, gilt den kleinen Nadeln größte Aufmerksamkeit.
„Neben dem Dauereffekt profitieren die Patienten vor allem davon, dass die Akupunktur oft eine Reduktion der Medikamentendosis ermöglicht“, so Dr. med. Dominik Irnich, 1. Vorsitzender der 1951 gegründeten Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e. V. (DÄGfA)
Das macht die Akupunktur insbesondere dann zu einem wichtigen Baustein in der Behandlung von Depressionen, wenn eine Medikation aufgrund besonderer patientenseitiger Vorbedingungen nur begrenzt durchgeführt werden kann – etwa bei Vorerkrankungen, Unverträglichkeiten oder während einer Schwangerschaft.
Gleichzeitig sinkt mit einer reduzierten oder verkürzten Medikamenteneinnahme das Risiko von unerwünschten Nebenwirkungen. Damit stellt die Akupunktur einen sinnvollen begleitenden Therapieansatz für alle Patientengruppen dar.
 
Wo Akupunktur hilft …
 
Akupunktur wird heute bereits bei einer Vielzahl von Depressionssymptomen eingesetzt, beispielsweise bei Nervosität und Schlaflosigkeit, bei körperlicher und geistiger Erschöpfung oder übermächtiger Traurigkeit.
Nicht selten führt die Einnahme von Antidepressiva zu negativen Begleiterscheinungen, darunter Gewichtszunahme, sexuelle Dysfunktionen oder Schlafstörungen. „Diese lassen sich durch Einsatz einer Nadeltherapie deutlich mildern. In Einzelfällen konnte auch beobachtet werden, dass Beschwerden, die als Nebenwirkung mit dem Absetzen von Medikamenten einhergehen können, z. B. der sogenannte Entzugskopfschmerz, gut auf Akupunktur ansprechen.“, erklärt Dr. med. Richard Musil, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der LMU München.
 
… und worauf Sie achten sollten
 
Akupunktur verfolgt einen ganzheitlichen, individuell auf den Einzelpatienten ausge
legten Behandlungsansatz, der zunächst eine umfassende, detaillierte Anamnese voraussetzt. Jede Behandlung beginnt mit einer ausführlichen Befragung, sorgfältigen Beobachtung und genauen fachlichen Beurteilung sowie Einordnung der Krankengeschichte. Erst danach kann der Akupunkteur einen individuell auf den Patienten ausgerichteten Therapieplan entwickeln.
Wie bei jedem Heilverfahren hängt auch der Erfolg einer Akupunkturbehandlung wesentlich davon ab, dass sie fachgerecht und gewissenhaft ausgeführt und ihre Wirksamkeit sorgfältig überprüft wird. Die weitverbreitete Ansicht, dass es „egal sei, wohin man sticht“, konnte in zahlreichen Studien widerlegt werden. Demnach zeigt die Nadelung der klassischen chinesischen Akupunkturpunkte eine deutlich bessere Wirkung als eine sogenannte Sham-Nadelung an entfernteren Punkten.
Als invasives Verfahren, also als Maßnahme, „die in den Körper eindringt“, sollte die Akupunktur in jedem Fall von ärztlicher Hand ausgeführt werden. Eine qualifizierte Ausbildung ist dabei unverzichtbar: Um als Arzt die Zusatzbezeichnung „Akupunktur“ tragen zu können, sind umfassende Theorie- und Praxiskurse sowie eine Prüfung bei der jeweiligen Landesärztekammer unabdingbare Voraussetzung.
 
Aus der klinischen Praxis: Multimodale Behandlung bei depressiven Symptomen
 
Als die 31-jährige Frau W. in der Institutsambulanz eines großen deutschen Universitätsklinikums vorstellig wurde, litt sie seit zweieinhalb Jahren an Depressionen und wurde im Vorfeld bereits mit Antidepressiva behandelt. Seit zwei bis drei Wochen verspürte die junge Frau nun u. a. Weinerlichkeit, Übelkeit sowie ein Druckgefühl im Oberbauch, zweifelte an ihrer Beziehung und war in Sorge um ihre (gesundheitliche) Zukunft. Die Symptome verstärkten sich in Abhängigkeit von ihrem Menstruationszyklus; hier sprechen Mediziner von einem sogenannten Prämenstruellen Syndrom (PMS), bei dem körperliche und emotionale Leiden im Zusammenhang mit dem weiblichen Zyklus ausgelöst oder gesteigert werden. Sie sind bei Frauen weit verbreitet und zählen zu den häufigsten gynäkologischen Beschwerdebildern.
Nach einer Behandlung in der Psychiatrischen Ambulanz mit Antidepressiva ging es der Patientin nach gut zwei Wochen deutlich besser. Die Zweifel an ihrer Partnerschaft waren fast vollständig verschwunden. Ihre Tagesmüdigkeit, ein vermehrtes Schlafbedürfnis und eine gewisse Antriebslosigkeit blieben.
Nach Alternativen zu einer pharmakologischen Behandlung begannen Patientin und Ärzte zu suchen, als bei der 31-Jährigen ein Schwangerschaftswunsch feststand. Eine gute Wirksamkeit versprechen verträgliche Therapieformen wie z. B. die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren – ein natürlicher Helfer bei Depressionen – sowie Verhaltenstherapien und Lichttherapien, vor allem in den dunklen Jahreszeiten. Tatsächlich führte die verordnete Lichttherapie innerhalb von vier Wochen zu einer deutlichen Besserung der 
Beschwerden. Trotz wiederkehrender Symptomatik und nicht vollständig stabilem Befinden äußerte Frau W. wenige Monate später den Wunsch, ihre Medikamente vollständig abzusetzen. Parallel zur Reduktion des Antidepressivums Duloxetin entschied sich die Patientin für eine begleitende Akupunkturbehandlung, die zunächst über einen Zeitraum von neun Wochen mit jeweils einer Sitzung wöchentlich angesetzt wurde.
Bereits bei der dritten Sitzung berichtete die Patientin, von einer deutlichen Besserung ihres physischen und mentalen Zustands. Duloxetin hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Tagen abgesetzt. Insbesondere das für ihr Beschwerdebild zentrale Symptom – ein wiederkehrendes, unangenehmes Druckgefühl im Oberbauch – konnte nach wirkungsloser Medikation nun mittels Akupunktur erfolgreich behandelt werden. Nach fünf Wochen stellte sich bei der jungen Frau ein sehr gutes Allgemeinbefinden ein. Auch ihr Schwangerschaftswunsch ging nach Abschluss der Behandlung in Erfüllung.
Heute erhält die Patientin im Bedarfsfall weitere Akupunkturbehandlungen, in den Wintermonaten ergänzt um eine Lichttherapie, die in der Regel einen raschen Besserungserfolg erzielen. Frau W. hat die Akupunktur durchweg positiv erlebt, insbesondere, da sie wusste, dass die Gesundheit ihres Kindes während der Schwangerschaft nicht durch die Einnahme von Medikamenten belastet oder gefährdet werden würde.
 
Potenzial der Akupunktur besser nutzen
 
Mit Krankheitskosten von über 44 Milliarden Euro, ohne indirekte Kosten wie beispielsweise Arbeitsunfähigkeit zu berücksichtigen, gehören psychische Erkrankungen zu den großen Herausforderungen des Gesundheitssystems. Gesellschaftlich betrachtet ist die Krankheit aber weit mehr als ein Kostenfaktor. Depressionen, Angststörungen und viele weitere psychische Leiden belasten die Betroffenen, ihre Familien und Partnerschaften, das soziale Umfeld und das Arbeitsleben.
Die Studienlage spricht dafür, der Nadeltherapie einen festen Platz im Gesundheitssystem einzuräumen. Tatsächlich ist die Akzeptanz von Akupunktur im Bereich der psychiatrischen Therapie bei Ärzten und Therapeuten hoch. Die Nachfrage auf Patientenseite steigt. Aktuell fehlen jedoch verbreitet Fachkräfte mit klinischer Ausbildung und der erforderlichen Zusatzausbildung. Gemeinsam mit anderen Fach- und Berufsverbänden setzt sich die DÄGfA des halb dafür ein, dass die Behandlungsmethode von Politik, Forschung, Verbänden und Ärztekammern stärker und angemessen berücksichtigt wird.

Über die DÄGfa

Die gemeinnützige Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur e. V. (DÄGfA) mit rund 8.600 ärztlichen Mitgliedern ist die älteste deutsche Akupunkturgesellschaft. Erster Vorsitzender der 1951 gegründeten Gesellschaft ist PD Dr. med. Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Die DÄGfA steht für hochwertige Ärzteausbildung in Akupunktur und TCM und fördert den besonderen Qualitätsanspruch dieser ganzheitlichen Behandlungsmethode. In Kooperation mit anderen Fachgesellschaften und Berufsverbänden setzt sich die DÄGfA dafür ein, dass die Behandlungsmethode in Politik, Forschung, Verbänden und Ärztekammern angemessen berücksichtigt wird. Im Bereich Forschung, Lehre und Praxis arbeitet die DÄGfA eng mit internationalen und nationalen Einrichtungen, Institutionen und Universitäten zusammen. Sie gibt für ihre Mitglieder und Akupunkturinteressierten die Deutsche Zeitschrift für Akupunktur (DZA) gemeinsam mit anderen deutschsprachigen Fachgesellschaften he- raus. Die DÄGfA initiierte und finanziert über 80 Qualitätszirkel (QZ), sie setzt Standards in der Lehre durch ein umfangreiches, zertifiziertes und staatlich anerkanntes Ausbildungs-und Weiterbildungsangebot. Darüber hinaus fördert die DÄGfA seit 1997 Forschungsprojekte mit bisher über 600.000 Euro. Die Akupunkturweiterentwicklung sowie das Verständnis für ihre Wirkwege und ihre Evidenz werden dadurch kontinuierlich verbessert.

Quelle:

Kontakt

Katja Hanley, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit DÄGfA – Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur e. V., gegründet 1951 Würmtalstraße 54 • 81375 München Tel: 089 / 710 05-11 • Fax: 089 / 710 05-25 E-Mail: presse@daegfa.de • Internet: www.daegfa.de

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