Im Gespräch | Naturmedizin 1/2019

Weniger Antibiosen bei Atemwegsinfekten

Wie häufig verordnen Sie in Ihrer Praxis in einer typischen Winterwoche Antibiotika?
Früher war das insbesondere bei Patienten mit mittelgradiger oder schwerer COPD häufig – im Rahmen von Exazerbationen. Wir mussten uns bei der Entscheidung, ob ein Antibiotikum sinnvoll ist, auf die Beurteilung der Sputumfarbe stützen. Das hat sich nun geändert, und die Verschreibungshäufigkeit ist drastisch zurückgegangen – gefühlt um etwa 80%!
 
Was genau hat sich geändert, dass die Verschreibungen in Ihrer Praxis so zurückgegangen sind?
Seit dem 1. Juli 2018 kann bei Atemwegsinfekten die Bestimmung des Procalcitonins mit der Frage, ob ein Antibiotikum sinnvoll ist, ohne Belastung des Laborbudgets erfolgen. Hierfür muss die EBM-Ziffer 32004 als Symbolziffer kodiert werden.
 
Wie setzen Sie das um?
Das bedeutet, dass wir bei Patienten, die an Atemwegsinfekten mit Husten und Auswurf leiden, regelhaft das Procalictonin bestimmen. Nur wenn der Wert erhöht ist, wird ein Antibiotikum verordnet. In der Praxis gehen wir so vor, dass wir bereits ein Rezept mitgeben, auf dem allerdings notiert ist, dass es erst eingelöst werden soll, wenn das Procalcitonin erhöht ist. Wir informieren den Patienten dann telefonisch über den Befund – meist ist dieser unauffällig und eine Antibiose unnötig.
 
Verlangen Ihre Patienten auch selbst nach einer Antibiose?
Ja, das ist ziemlich häufig der Fall. Erfahrungsgemäß erfordert die Erörterung, warum kein Antibiotikum verordnet wird, viel Zeit und führt am Ende doch zur Unzufriedenheit. Seit wir Procalcitonin bestimmen, ist das anders: Derselbe Patient, der früher für das Antibiotikum gekämpft hätte, ist nun erleichtert, dass keines erforderlich ist. Die Blutentnahme steht dabei für sorgfältige Diagnostik und so kann auch zu Hause erklärt werden, warum man ohne Antibiotikum nach Hause kommt – ein Aspekt, den man nicht vergessen sollte.
 
Wie erklären Sie den Patienten, dass eine grippale Infektion eine gewisse Zeit zur Ausheilung benötigt und dass Antibiotika nicht die richtige Behandlung für Virusinfektionen sind?
Im Grunde erkläre ich es genauso, wie Sie es formulieren: Atemwegsinfekte werden in der Regel durch Viren hervorgerufen – etwa 250 verschiedene Arten kommen als Erreger infrage. Antibiotika zielen ausschließlich auf Bakterien und damit ins Leere. Sie schädigen allerdings das Mikrobiom des Darmes und können damit über immunologische Mechanismen die Infektanfälligkeit der Lunge sogar erhöhen. 
 
Arbeiten Sie mit naturheilkundlichen Präparaten?
Rezepte, auch sogenannte grüne Rezepte für nicht verschreibungspflichtige Medikamente, stelle ich ausschließlich für Präparate aus, deren Nutzen wissenschaftlich belegt ist. Das schließt insbesondere Medikamente ein, die Pflanzenextrakte enthalten. Ambroxol, Cineol, Efeuextrakt und der Pelargonienwurzelextrakt gehören zu meinen Favoriten.
 
Was raten Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen, um die Atemwege im Praxisalltag zu schützen?
Wer sich vor Virusinfektionen der Atemwege schützen möchte, sollte insbesondere den Übertragungsweg Nase-Hand-Hand-Nase berücksichtigen: Begrüßen ohne Händeschütteln, Händedesinfektion nach jedem Patientenkontakt und ein Mund-Nase-Schutz für Menschen, die bereits erkältet sind, gehören zu den wirksamsten Maßnahmen. Die Grippeschutzimpfung (inzwischen tetravalent) sollte Standard für das gesamte Praxispersonal sein. Und last but not least: Rauchfrei zu werden, ist immer eine gute Idee.
 
Was tun Sie, wenn es Sie doch einmal erwischen sollte mit einer Atemwegsinfektion?
Mich erwischt es regelmäßig. Dann verwende ich Ingwertee und Antiphlogistika in Kombination mit Ambroxol oder Efeuextrakt.
 
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Quelle:

Dr. med. Justus de Zeeuw ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie und Schlafmedizin. Ab 2006 war er Chefarzt der Inneren Abteilung am St. Josef Krankenhaus Haan, von 2010 bis 2014 Chefarzt der Medizinischen Klinik für Pneumologie, Kardiologie und Intensivmedizin am Petrus-Krankenhaus Wuppertal. Seit 2015 ist er in einer pneumologischen Facharztpraxis in Köln niedergelassen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Alle im Rahmen dieses Internet-Angebots veröffentlichten Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch Übersetzungen und Zweitveröffentlichungen, vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung, Verlinkung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf der schriftlichen Zustimmung des Verlags.

Ihr Zugang zu exklusiven Inhalten für Fachkreise

Login für Fachkreise

Neu registrieren

Passwort vergessen?