Planetare Gesundheit

Naturmedizin 5/2020

Transformatives Handeln

In diesem Artikel soll es darum gehen, welchen Beitrag die Gesundheitsberufe und das Gesundheitssystem zu der durch Klimakrise dringend notwendigen gesellschaftlichen Transformation leisten kann – mit konkreten Ansätzen und Beispielen. Dies ist der fünfte Beitrag der ganzjährigen Serie zur Planetaren Gesundheit.
Die Organisationen der Gesundheitsberufe haben weltweit erkannt: Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Eine der größten Initiativen in der Geschichte des modernen Gesundheitswesens fand Ende Mai 2020 statt: 350 Gesundheitsorganisationen weltweit, die 40 Millionen Beschäftigte vertreten, sowie über 4.500 einzelne Gesundheitsfachkräfte aus 90 Ländern, wandten sich in einem offenen Brief an die Staatschefs der G 20-Staaten: Sie fordern, dass die massive Wirtschaftsförderung und die enormen Investitionen, die im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie getätigt werden, den Gesundheitsschutz, die Gesundheitsförderung und die planetare Gesundheit in den Mittelpunkt stellen (#healthyrecovery).
Im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts „The Lancet Countdown on Health and Climate Change“ ist im November 2019 zum ersten Mal auch ein Deutschland-Bericht (Policy Brief) des Lancet Countdown vorgestellt worden (zu finden auf: www.bundesaerztekammer. de). Die Kernbotschaften sind: Die Gesundheitsrisiken werden auch in Deutschland immer schwerwiegender; der CO2-Fußabdruck des deutschen Gesundheitssektors ist beträchtlich; der Klimawandel als Gesundheitsbedrohung muss verstanden werden und in die Lehrpläne aller Gesundheitsberufe aufgenommen werden. Hier hat die Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit eine Vorreiterrolle eingenommen und im Frühjahr 2020 die Planetary Health Academy gegründet (planetary-healthacademy. de). Sehr erfolgreich, mit vielen Teilnehmenden und ausgewiesenen Experten als Referenten, wurde von Mai bis Juli 2020 eine Online-Vorlesungsreihe zum Thema Planetary Health angeboten. Wie kann jeder Angehörige des Gesundheitssystems seinen Teil zu den notwendigen Transformationen beitragen? Im Folgenden werden ganz konkrete Beispiele gegeben: Von der Umgestaltung der eigenen Arztpraxis zur „Klimapraxis“ bis hin zur klimaneutralen Krankenkasse.
 
Die Arztpraxis als Klimapraxis
Immer mehr Arztpraxen stellen ihren Betrieb auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz um und teilen ihre Ideen mit Kolleginnen und Kollegen (siehe hierzu auch S. 24f in dieser Ausgabe). Auch hier gilt: Tue Gutes und rede darüber! Die Umstellung sollte mit den Patienten, Mitarbeitern und auch in der Region (Presse usw.) kommuniziert werden. Viele Einrichtungen haben dies als Win-win-Situation erfahren: Die ökologischen Vorteile gehen mit einem Imagegewinn einher, der zum Beispiel Vorteile bei der Personalakquise bringt. Ideen und Beispiele für die Transformationsreise sind:
• Stromanbieter mit Ökostrom wählen
• Heizung der Räume optimieren (Zeitschaltuhr, Lüftungsstrategien ...)
• Müllvermeidung, wo möglich; Mülltrennung für Gelber Sack, Papier, Restmüll, Glas (auch weißes und braunes Ampullenglas); alle Entsorgungsempfehlungen beachten
• bewusste Auswahl der Reinigungsmittel
• Umstellung auf LED-Beleuchtung
• Fortbewegung und Transport auf geringen CO2-Abdruck umstellen: Arbeitswege, Hausbesuche mit Fahrrad, E-Bike, E-Auto, öffentlicher Nahverkehr
• Verordnungen auf das Notwendige beschränken: Medikamente, Diagnostik, chirurgische Eingriffe; bei Möglichkeiten zur Auswahl, den nachhaltiger arbeitenden Hersteller wählen
• papierlose Praxis anstreben; wenn notwendig, dann nur Recyclingpapier; Umstellung auf recyceltes Toiletten- und Handtuchpapier; Umstellung von plastiklaminierten auf Papier-Liegenabdeckungen
• Wasser sparen: an Wasserhähnen Belüfter anbringen, wassersparende Toilettenspülungen und Duschköpfe
• Papier-Werbung und Spam-Mails reduzieren • sinnvolle Entsorgung medizinischer Abfälle
• für Praxiskleidung bewusst Hersteller wählen: nachhaltig, ökofair usw.
• Konten und Geldanlagen überprüfen: ökofaire Bank wählen, bewusstes Divestment aus z.B. fossilen Energieunternehmen usw.
• Betriebsfeste und -ausflüge nachhaltig planen (z.B. pflanzenbasiertes Essen nach den Prinzipien der Planetary Health Diet, siehe Naturmed- Depesche 3_2020)
• Energieffiziente Elektrogeräte verwenden, gut pflegen und nicht im Standby-Modus lassen; wo möglich, anstatt Batterien Akkus verwenden
• bei Fortbildungen, Kongressen u.ä. auf Nachhaltigkeit achten (Anreise nicht mit Flugzeug, Nutzung von Online- Bildungsangeboten usw.)
• sich vernetzen, informieren, engagieren, z.B. Health for Future (Koordinationsplattform auf wechange.de)
 
Klimasprechstunde
Den Begriff und die Idee der Klimasprechstunde hat der deutsche Arzt Dr. Ralph Krolewski bekannt gemacht. Er definiert sie als multimodales Konzept zur planetaren und individuellen Gesundheit, eingebettet in die Arzt-/Ärztin- Patient/-Patientin-Beziehung. Formal ist ein möglicher Rahmen die Gesundheitsuntersuchung nach §25 SGB V. Die Grundhaltung drückt sich für ihn auf drei Ebenen aus:
• Verhalten
• Wahrnehmung
• Kommunikation So versucht er in vielen Bereichen mit gutem Beispiel voran zu gehen und macht alle Hausbesuche in Gummersbach in einer Region mit ca. 100 Quadratkilometern mit dem E-Bike. Der Einstieg im Patientenkontakt ist für ihn die interessierte Anamneseerhebung. Beispielsweise muskulo-skelettale, kardivaskuläre und pulmonale Erkrankungen bieten häufig Beratungsanlässe, z.B. Umstellung des Mobilitätsverhaltens (mehr Gehen, Fahrradfahren etc.) oder des Ernährungsverhaltens (pflanzenbasiert oder -betont). In der Kommunikation sind seine zentralen Botschaften: außerhalb der Akutmedizin sind Lebensstil und nichtmedikamentöse Maßnahmen oft am wirksamsten; Umwelt und Klima haben direkte Auwirkungen auf unsere Gesundheit; Verhaltensänderungen können gleichzeitig bessere Gesundheit erreichen und schützen unsere Lebensgrundlagen und die nachfolgender Generationen. (mehr Informationen von Krolewski unter: www.hausaerzte-oberberg.de)
 
Nachhaltiges Krankenhaus
Als ein Best-Practice-Beispiel können die LWL-Kliniken in Münster und Lengerich (Fachkrankenhäuser für Psychiatrie) genannt werden. Die Häuser mit über 1.000 Mitarbeitern pro Standort haben eine regelrechte Transformationsreise unternommen. Alle transformativen Maßnahmen aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen, aber einige seien genannt:
• das KH hat sich umfangreich zertifizieren lassen, u.a. von EMAS; dies gilt als das weltweit anspruchsvollste Umweltmanagementsystem
• Eigenstromerzeugung: 60 % der elektrischen Grundlast wird über eine Solarstromanlage gedeckt
• die Gärtnerei arbeitet für therapeutische Zwecke und baut auch Tomaten und Kräuter für die Krankenhausküche an; sie arbeitet mit Regenwasser zunehmend Elektroautos im Fuhrpark
• ca. 250 Diensträder
• ein Lasten E-Bike: Waschmaschinen etc. können damit transportiert werden
• Deckung von Gebäuden mit dem Klima-Life-Ziegel
• Energiebeauftragte sind als Verschwendungsjäger unterwegs (Lüftung, Licht etc.)
• Leitungs- statt Mineralwasser (das aufwendig transportiert werden muss) bei allen Konferenzen; auf den Stationen Wasserspender
• „Jubiläumsbäume“: für Mitarbeiter- Jubilare, 25 oder 40 Jahre, werden einheimische Bäume im Park gepflanzt; dies wird als hohe Wertschätzung von den Mitarbeitern empfunden
• Flächenrenaturierung: für Insekten, Wildblumen ...
• Krankenhausverpflegung: über 22 % Bioprodukte; jeden Tag ein gutes vegetarisches Gericht; Kooperation mit regionalen Lieferanten (v.a. Milch, Eier, Fleisch)
• systematische Vermeidung von Lebensmittelverschwendung (die jährliche Ersparnis von mehreren zehntausend Euro bleibt in der Küche, um hochwertigere Lebensmittel einkaufen zu können)
• zertifizierter Bio-Apfelsaft von eigenen Streuobstwiesen; „Saft-Events“, zu denen auch die Öffentlichkeit eingeladen wird
 
Der kaufmännische Direkter Thomas Voß, der an dieser Reise maßgeblichen Anteil hatte, berichtet über viele Winwin- Effekte: die Häuser bekommen positive Tages- und Fachpresse und Fernsehberichte; hohe Mitarbeiter- und Patientenzufriedenheit; Erleichterung und Vorteile bei der Personalakquise.
 
Klimaneutrale Krankenkasse
Im Bereich der Krankenkassen soll die BKK Provita genannt werden. Sie ist die erste klimaneutrale Krankenkasse. Sie positioniert sich eindeutig pro pflanzenbetonte Ernährung und bietet ihren Mitgliedern Unterstützung bei der Ernährungsumstellung.
Anfang 2020 hat die Kasse einen Ernährungswegweiser für Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen veröffentlicht. Mit der Aktion Pflanzen-Power fördern die BKK ProVita pflanzenbasierte Ernährung in Schulen; dies Engagement wurde mit dem UN-Award Momentum for Change 2018 in der Kategorie Planetary Health ausgezeichnet. 2021 ist die BKK ProVita für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert.
Die Kasse ermittelt jährlich ihren CO2- Fußabdruck . Neben der Ableitung von Maßnahmen zur Reduzierung kompensieren sie seit 2016 den daraus resultierenden restlichen CO2-Ausstoß durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern nach dem sogenannten „Gold Standard“, einem strengen und weltweit angesehenen Qualitätsstandard.
Quelle: Autor: Frank Aschoff; ist Fachjournalist (DJK) und auf Wissenschafts- / Medizinjournalismus spezialisiert. Weitere Literatur beim Autor E-Mail: frank.aschoff@web.de
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