Hokuspokus-Vorwürfe | Naturmedizin online / 2018

Professoren richten offenen Brief an SPIEGEL-Chefredaktion

Prof. Dr. med. Andreas Michalsen von der Charité Berlin und Prof. Dr. med. Gustav Dobos veröffentlichten am 07.09.2018 einen offenen Brief an die SPIEGEL-Chefredaktion, den wir hier wiedergeben. In einer kürzlich erschienen Titelgeschichte des SPIEGEL, Nr. 34/2018 "Hokuspokus - Geld weg. Heiler, Gurus, Scharlatane" über den "Boom der Alternativmedizin" seien journalistische Grundsätze gebrochen worden, so die beiden Professoren und Verteter einer universitären und evidenzbasierten modernen Naturheilkunde. 

 

Offener Brief an die Chefredaktion des SPIEGEL
Betr.: SPIEGEL-Titelgeschichte Nr.34/2018 „Hokuspokus – Geld weg. Heiler, Gurus,
Scharlatane...“
Am 27.8. 2018 haben wir an die Chefredaktion des SPIEGEL, an den noch amtierenden
Chefredakteur wie auch den künftigen, einen Brief geschrieben, der die vielfachen falschen
Behauptungen in der Titelgeschichte Nr. 34/2018 „Hokuspokus – Geld weg. Heiler, Gurus,
Scharlatane“ korrigiert und unseren Protest gegen diese Art der unseriösen Meinungsmache
ausdrückt. Leider haben wir bis heute trotz mündlicher und schriftlicher Nachfragen keine
Reaktion erhalten und wenden uns deshalb an eine breitere Öffentlichkeit.
Zum Sachverhalt:
Die Titelgeschichte im SPIEGEL Nr. 34 über den „Boom der Alternativmedizin“ strotzt von
falschen Informationen und Meinungsmache, ganz offensichtlich getragen – ohne, dass dies
offengelegt wurde – von einer kampagnenartig operierenden Gruppe der Skeptiker. Mit
Ausnahme von Karl Lauterbach sind nämlich sämtliche der in dem Leitartikel von Veronika
Hackenbroch „Die Macht der Heiler“ zitierten bzw. interviewten Experten bzw. Patienten
dort engagiert:
• Das trifft zu für Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
Gesundheitswesen, der auch Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung
von Parawissenschaften e.V. (GWUP), ist. 

• Natalie Grams, als ehemalige Homöopathie-Ärztin und „engagierte Kämpferin gegen
esoterischen Spuk“ vorgestellt, ist laut eigener Homepage inzwischen
„Informationsmanagerin“ der GWUP.
• Susanne Aust, im Artikel als fehlgeleitete Arthritispatientin und Opfer falscher
Behandlungsmethoden zitiert, ist dort Beisitzerin im Vorstand. Sie gehört auch dem
Münsteraner Kreis an, der laut Selbstbeschreibung „ausgewiesene Experten der
Komplementären und Alternativen Medizin“ versammelt, um über „gefährliche
Pseudowissenschaft“ zu diskutieren.
• Bettina Frank, im Text als Patientin aufgeführt, ist ebenfalls „Skeptikerin“ und Mitglied des
Vereins „Wissenschaft und Skeptizismus“ .
• Edzart Ernst, vorzeitig pensionierter Professor für Komplementär- und Alternativmedizin
im englischen Exeter, sitzt im wissenschaftlichen Beirat der GWUP und ist Mitglied im
Münsteraner Kreis.
In keinem dieser Fälle wurde dieser Kontext aufgedeckt. Und:
Die Autorin hat keinen Vertreter der modernen Naturheilkunde und Komplementärmedizin
um eine Stellungnahme gebeten.
Hätte sie das getan, hätten wir ihr erklärt:
• dass die moderne Naturheilkunde kein esoterischer Spuk ist, sondern ein evidenz- und
wissenschaftsbasierter Teil der Medizin, der durch akademische Forschung und Lehre nicht
nur an deutschen, sondern auch an vielen amerikanischen Hochschulen repräsentiert ist
• dass die moderne Naturheilkunde sich auch nicht als „alternative“ Medizin versteht,
sondern integrativ ausgerichtet ist, ergänzend und in Zusammenarbeit mit der
Hochleistungsmedizin, und deshalb auch Eingang in die wissenschaftlichen Leitlinien findet
• dass unbewiesene Verfahren wie die zitierte Edelsteinmedizin deshalb in der modernen
Naturheilkunde nichts zu suchen haben, aber auch nicht die Homöopathie, von der ein
Großteil des SPIEGEL-Textes handelt.
Es ist unseriöse, wenn auch beliebte Praxis, mit dem Verweis auf die Homöopathie
evidenzbasierte Verfahren der Naturheilkunde und Komplementärmedizin diskreditieren zu
wollen und gleichzeitig zu insinuieren, die bestehenden Lehrstühle seien quasi von der
Homöopathie-Lobby in die Universitäten gedrückt worden („Längst hat die Alternativmedizin
Einzug in die Universitäten gehalten“). Ja, es gibt studentische Arbeitskreise und
Ringvorlesungen zur Homöopathie in Deutschland, im Rahmen der Freiheit von
Wissenschaft, Forschung und Lehre - aber die bestehenden Lehrstühle zur Naturheilkunde
sind sämtlich der Forderung von David Sackett nach evidenzbasierter Medizin verpflichtet.
Was die Homöopathie angeht, so hat sie ein völlig anderes Erklärungsmodell als die
naturwissenschaftlich orientierte Medizin. Der Versuch, ihre möglichen Wirkprinzipien zu
erklären, ist bisher nicht gelungen. Als „Besondere Therapierichtung“ unterliegt sie nach
dem Arzneimittelgesetz aber staatlicher Regulation und ist aus diesem Grund weder mit
Esoterik noch mit evidenzbasierter Naturheilkunde zu vergleichen.
Die zitierte „einflussreiche“ Carstens-Stiftung unterstützt, unter anderem , das ist richtig,
auch die Forschung zur Homöopathie. Aber sie fördert vor allem viele wichtige
Forschungsprojekte im Bereich Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin und
lebensstilbasierten Medizin – da in Deutschland staatliche Forschungsförderung in diesem


Bereich leider äußerst selten ist– obwohl die evidenzbasierte Naturheilkunde gerade im
Bereich der chronischen Erkrankungen wertvolle Therapien anbietet. In den USA wird die
Erforschung der Komplementärmedizin deshalb jährlich mit 260 Millionen Dollar durch die
NIH und das National Cancer Institute gefördert.
Zusammengefasst: Wir wehren uns gegen die Unterstellung, die universitätsbasierte
Naturheilkunde und Komplementärmedizin sei unwissenschaftlich und kein Teil der
Medizin. Wir wehren uns gegen eine tendenziöse Darstellung der Naturheilkunde und
Komplementärmedizin im SPIEGEL, die einer Gruppe organisierter Skeptiker das Wort
überl.sst – ohne dass dies deutlich und dieser Interessenkonflikt benannt wird. Wir sehen
darin eine gezielte Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht und werden beim
Presserat dagegen Beschwerde einlegen.
Berlin und Essen, 7. Sept. 2018
Prof. Dr. med. Andreas Michalsen
Prof. Dr. med. Gustav Dobos

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