Im Gespräch | Naturmedizin 3/2018

Patienten sind die besten Lehrer des Arztes

Zwei dominierende Bereiche, für die Sie sich engagieren, sind die Themen Schmerz und Akupunktur. Was ist der Motor für Ihren Einsatz?
Die Arbeit mit den Patienten. Ich habe mich relativ früh mit Naturheilkunde und der Akupunktur beschäftigen dürfen, weil es an der LMU München ein Angebot eines Modellstudienganges Naturheilverfahren gab. So konnte ich großartige Ärzte kennenlernen, die die Balance zwischen einer wissenschaftlich basierten Medizin, einer menschlichen und einer die Selbstheilungskräfte fördernden Medizin in einer wunderbaren Art und Weise zusammengebracht haben. Meine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Akupunktur hat in den 1990er-Jahren mit einer Doktorarbeit begonnen. Das war auch die Zeit, wo begonnen wurde, Schmerz nicht mehr als ein rein physiologisches Ereignis zu sehen, sondern sich ein bio-psycho-soziales Gesamtverständnis entwickelte.
 
Welche Erlebnisse, die Sie mit der Akupunktur machen konnten, waren prägend für Sie?
Das war eine Vorlesung meines großen Lehrmeisters Dr. Jochen Gleditsch. Und viele weitere kleine Schlüsselerlebnisse. Unter anderem die Erfahrungen der Wirksamkeit am eigenen Körper. Und auch jedes Mal aufs Neue wieder das überraschende Eintreten von positiven Wirkungen bei meinen Patienten, die ich so vielleicht gar nicht erwartet hätte. Und wenn es dann noch wissenschaftliche belegbar ist – umso besser.
 
Sie sind auch im Bereich der Forschung aktiv. Welches Projekt liegt Ihnen momentan besonders am Herzen?
Im Moment halte ich die Erforschung der Akupunktur bei neuropathischen Schmerzen für einen ganz wesentlichen Punkt, da hier keine ausreichenden Studien vorliegen, wir aber immer wieder gute klinische Erfahrungen machen – und die gilt es zu bestätigen. Darüber hinaus interessiert mich ganz besonders die Erforschung der unterschiedlichen Akupunkturstile. Und die Parallelen zu anderen Verfahren der Komplementärmedizin, die über eine Stimulation des Körpers einen Zugang zu Leib und manchmal gar zur Seele des Patienten finden. Das finde ich unglaublich spannend.
 
Ist die Akupunktur in Deutschland ausreichend etabliert?
Die Akupunktur ist in vielen Bereichen sehr gut etabliert. Gerade das macht aber auch Probleme. Es gibt eine unterschiedliche Bewertung der Akupunktur auf wissenschaftlicher Ebene und auf gelebter Ebene der täglichen Praxis. Was heißt das? Die meisten Patienten, die mit guter Akupunktur behandelt werden, sind von dem Verfahren überzeugt, würden sich auch immer wieder 
mit Akupunktur behandeln lassen, und die wissenschaftlichen Grundlagen sind sehr gut. Dennoch wird von Meinungsbildern und Entscheidern immer wieder die Wirksamkeit angezweifelt. Die Kostenerstattung bei Rückenschmerz oder Arthrose hat jedoch zu einem anderen Phänomen geführt. Wir beobachten, dass in nicht wenigen ärztlichen Praxen die Akupunktur undifferenziert und qualitativ schlecht durchgeführt wird. Der Arzt-Patient-Kontakt beträgt häufig nur zwei Minuten. Es werden immer die gleichen Punkte genadelt. Die Individualität des Patienten wird nicht beachtet. Es wird Akupunktur im Hauruckverfahren durchgeführt. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung. Eine nicht-ärztliche Akupunktur ist nicht die Lösung. Akupunktur als effektives medizinisches Verfahren erfordert vorab eine schulmedizinische Abklärung, die Abwägung, ob es die richtige Methode ist und die ärztliche Überwachung der Therapie. Und als invasive Methode erfordert sie medizinische Kenntnisse. Ich wünsche mir, dass die Akupunktur ein ärztlich durchgeführtes Verfahren bleibt, das kompetent und engagiert ausgeführt wird, den ganzen Menschen beachtet und sinnvoll in ein medizinisches Behandlungskonzept integriert wird. Grundlage sind dabei wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfahrungen und die Bedürfnisse des Patienten.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Quelle:

PD Dr. med. Dominik Irnich ist Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie und Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) sowie 1. Vorsitzender der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA).

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