Haut und Haare | Naturmedizin 3/2018

Narben mit Nebenwirkung

Denkt man an Narben, tauchen sofort Bilder verletzter Haut vor dem inneren Auge auf. Was man nicht sofort sehen kann, wird nicht beachtet. Dammschnitt oder Kaiserschnitt werden gerne vergessen. Auch innere Operationsnarben werden nicht beachtet, genauso wie Narben nach Zahnoperationen. Sichtbare wie unsichtbare Narben können aber sehr diffuse Beschwerden verursachen. Nur durch eine aufmerksame Anamnese kommt man diesen Störfeldern auf die Spur.

Narben werden häufig kaum beachtet – obwohl sie weitreichende Auswirkungen auf das Wohlbefinden unserer Patienten haben. Im Allgemeinen ist die Therapie nach dem Fadenzug, wenn keine Komplikationen auftreten, beendet. Es gibt aber häufig langfristige Auswirkungen: an der Stelle der Narbe selbst, aber auch – und das ist das Tückische – an weit entfernten Körperstellen. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Zum einen ist die Narbe natürlich durch ihre veränderte Gewebestruktur nicht so elastisch. Diese veränderte Spannung hat Auswirkungen im operierten Bereich, je nach Größe aber auch auf die gesamte Körperhälfte. Stichwort Faszien: Sie ziehen sich durch den ganzen Körper und haben einen sehr großen Einfluss. Zum anderen werden bei Operationen auch die Meridiane beeinträchtigt, in deren Verlauf dann auch weit entfernt Störungen entstehen können. Auch die Erfahrung, die der Betroffene mit der Operation oder dem Trauma gemacht hat, ist sehr wichtig. Dramatische Notoperationen und Eingriffe mit Komplikationen sowie Traumen lösen häufiger Probleme mit Narben aus, als wenn sich der Patient seelisch und mental auf einen geplanten Eingriff vorbereiten konnte.

Störfeld Narbe

Um zu erkennen, ob eine Narbe Auslöser bzw. Verstärker für Beschwerden ist, braucht es ein wenig Erfahrung. Hinweisgebend ist eine (zumeist) einseitige Störung: Beschwerden wie Kopfschmerzen, fehlender Muskelaufbau, wiederholte Zerrungen oder chronische Instabilitäten, die immer auf einer Körperhälfte oder immer im selben Arm oder Bein auftauchen – ohne erkennbare Ursache und Zuordnung zu einem neurologischen Segment. Ein interessantes Beispiel ist auch eine Tenodvaginitis, die sich im gleichen Meridianverlauf wie eine Narbe befindet und die sich signifikant bessert, wenn die Narbe therapiert wird.
Da der Mensch viele Störungen primär gut kompensieren kann, treten die Beschwerden häufig erst Jahre später nach der Entstehung der Narbe auf. Häufig auch erst, wenn eine weitere Problematik dazukommt und die Kompensationsmechanismen nicht mehr funktionieren. Dabei muss die Narbe tatsächlich gar nicht groß sein. Manchmal hat der Patient sie auch schon längst vergessen.
 
Vorsorgliche Narbenbehandlung
 
Am besten beginnt die Behandlung der Narbe schon bevor sie entsteht. Das geht natürlich nur bei planbaren Eingriffen.
Wenn bereits im Vorfeld mit B-Vitaminen (insbesondere B12), Vitamin C, aber auch Vitamin A und Spurenelementen wie Zink gearbeitet wird, ist die Narbenbildung von vornherein geringer. Meine Patienten werden bei planbaren Eingriffen in der Regel vorher mit Zink 30 mg oral versorgt. Dann gebe ich Vitamin-C-Infusionen – je nach Zeit des Patienten – ein bis zwei Wochen vor der Operation, zweimal wöchentlich mit 7,5 bis 15 g. Wenn der Patient 15 g gut verträgt, bevorzuge ich die höhere Dosierung und ergänze 1500 μg Vitamin B12 (Hydroxocobalaminacetat) ebenfalls zweimal wöchentlich dazu. Ein homöopathisches Lymphmittel gebe ich ebenfalls dazu. Die weitere homöopathische Behandlung findet dann postoperativ statt. Im Bereich der Zähne verwende ich möglichst zeitnah nach dem zahnmedizinischen Eingriff den Testsatz von R. Balthasar. Er enthält 20 verschiedene Homöopathika, die ich je nach Testung als Einmalgabe einsetzte und dies einen Tag später nochmal wiederhole.
Durch ergänzende mentale Vorbereitung mit Affirmationen kann der Verlauf positiv beeinflusst werden. Beispielaffirmationen: „Die Operation wird komplikationslos verlaufen. Die Wunde wird schnell heilen und abschwellen. Es wird mir danach besser gehen, und ich bin schnell wieder mobil und schmerzfrei.“ Eine vorher durchgeführte Hypnose, in der man den gesamten Ablauf bis zur Wundheilung in Trance durchgeht, wirkt sich ebenfalls positiv aus.
 
Zeit und Wunden
 
Frische Verletzungen kann man therapeutisch begleiten, damit sie sich erst gar nicht zu einem Störfeld entwickeln können.
Die Phasen der Wundheilung gehen fließend ineinander über und können je nach allgemeinem Gesundheitszustand, Nährstoffversorgungslage und Stressoren unterschiedlich lange dauern. Deshalb ist der folgende zeitliche Ablauf nur ein Anhaltspunkt. 
Die Reinigungsphase kann in zwei Abschnitte unterteilt werden.
Die Exsudative Phase und die Entzündungsphase: Etwa ab dem ersten bis dritten Tag wandern verschiedene Zellen, Eiweiße und Botenstoffe des Immunsystems in den Wundbereich ein. Fresszellen (Makrophagen) beginnen damit, das geronnene Blut und Zelltrümmer zu entfernen sowie etwaige Keime zu bekämpfen. In dieser Phase sollten keine mechanischen Reize auf das Gewebe einwirken, sondern weitgehende Immobilisation und naturheilkundliche Behandlung mit Enzymen, Vitaminen, Spurenelementen, Homöopathie und Phytotherapie.
Hier verwende ich z. B. Calendula D4 3x5 für eine Woche, Staphisagria D6–12 nach Schnitten jeweils fünf Tage und Arnica C30 für eine Woche, beginnend mit 3x5 in den ersten beiden Tagen und dann 1x5 für weitere fünf Tage als grobes Schema. Ich teste allerdings engmaschig nach (mittels Applied Kinesiology) und passe die Gabe ggf. an.
Proliferationsphase: Etwa ab Tag vier bis sieben entstehen in der Wunde neue Hautzellen, Blutgefäße wachsen ein und Bindegewebe bildet sich nach. Je nach Art der Wunde verheilen die Wundränder einfach (z. B. bei kleinen Schnittwunden), oder die Haut bildet in der Wunde Granulationsgewebe aus, ein vorläufiges Füllgewebe. Hier kommt eine angepasste Bewegungstherapie unter Beachtung der Schmerzgrenze des Patienten zur Anwendung. Dies dient der Unterstützung der Ausrichtung und des Aufbaus der kollagenen Fasern.
Konsolidierungsphase: Etwa ab dem achten Tag beginnt die Haut damit, den Wundbereich endgültig mit neuen Hautzellen zu verschließen – die Wunde wird nach und nach kleiner. Das Granulationsgewebe verfestigt und verdichtet sich. Das Narbengewebe ist meist heller und weniger elastisch als die umliegende Haut, Schweiß- oder Talgdrüsen fehlen. Diese Wundheilungsphase kann je nach Wunde mehrere Monate dauern. Jetzt kann eine Intensivierung der Belastung durchgeführt werden. Zusätzlich können die manuellen Reize verstärkt werden, um die Elastizität in die notwendigen Richtungen wieder freizugeben.
Nach ca. drei Wochen beginne ich nach Operationen mit der Salbentherapie der Narben. Ich verwende verschiedene Salben abwechselnd, da die Wirksamkeit einer Salbe im Verlauf nachlässt.
 
Auf der Suche
 
Nur mit einer ganzheitlichen Herangehensweise kann man Störfelder aufspüren, sobald Beschwerden über einen längeren Zeitraum bestehen und sich keine organische Ursache finden lässt. Insbesondere bei einseitigen Beschwerden sollte man an ein Narbenstörfeld denken. Wichtig ist die genaue Anamnese, da die Patienten Narben auch vergessen. Besonders die Narben nach Tonsillektomie oder Nasenoperationen, Laparoskopie, Kaiserschnitt und Dammschnitt werden gerne vergessen.
Ich verwende zum Aufspüren einer Störung die diagnostische Methode der Applied Kinesiology, die in einer vergangenen Ausgabe bereits von Dr. Hans Garten vorgestellt wurde. Hier trotzdem noch einmal eine kurze Erläuterung.
Die Applied Kinesiology (AK) wurde vor über 30 Jahren von dem amerikanischen Chiropraktiker Goodheart D.C. begründet und wird seitdem weiterentwickelt. Die wichtigste Grundlage der AK ist ein standardisierter Muskeltest und die Feststellung der Stärkeänderung als Reaktion auf Reize, Substanzen und Emotionen. Durch eine manuelle Behandlung oder ein Heilmittel kann ein Muskel gestärkt und durch Allergene, Gelenkstörungen oder Toxine geschwächt werden. George Goodheart fand durch Zufall heraus, dass sich durch Behandlung oder auch nur Berührung relevanter Stellen am Körper Muskelspannung und Kraft ändern. In den folgenden Jahren konnte er vielen Muskeln, Organen und Meridianen Zusammenhänge mit Vitaminen und Mineralien zuordnen. Zum Beispiel ist der M. tensor fasciae latae bei beidseitiger Schwäche dem Dickdarm, sowie Eisen-, Folsäure und Vitamin- B12-Mangel zugeordnet. Das ist besonders bei beidseitigen Knie- und Hüftbeschwerden wichtig.
 
Identifiziertes Störfeld
 
Wenn das Narbenstörfeld identifiziert ist, kann je nach Beschwerdebild und Patiententyp die Therapie der Narbe beginnen: Salben mit beispielsweise Arnica oder Calendula und homöopathische Salben, die das Lymphsystem anregen, werden über ca. drei Monate morgens und abends aufgetragen. Im Verlauf wechsle ich häufig die 
Salbe, je nach Testung. Schröpfen, manuelle Techniken, Akupunktur (auch Ohrakupunktur), Osteopathie und Neuraltherapie (Procain, Lidocain) haben sich bewährt. In der Homöopathie sind wichtige Mittel Arnica, Hypericum und Staphisagria. Ich verwende Arnica erst ab einer C30-Potenz auch bei akuten Geschehen, da Niedrigpotenzen wie D6 eine Blutungsverstärkung verursachen können. Sonst gehe ich wie bereits in der Reinigungsphase beschrieben vor. Hypericum setze ich auch überwiegend beginnend mit C30 für zwei Tage 3x5 und vier Tage 1x5 ein. Im späteren Verlauf C200 1x5 mit Wiederholung nach einer Woche.
Hypnose und EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) sind weitere Therapiemöglichkeiten – besonders bei Narben, die mit traumatischen Ereignissen in Zusammenhang stehen und mit Emotionen behaftet sind.
EMDR ist eine von Francine Shapiro entwickelte und mittlerweile anerkannte Methode der Traumatherapie. Der Patient konzentriert sich auf das zu behandelnde Trauma, während seine Augen gleichzeitig den geführten Bewegungen des Therapeuten mit einem Finger oder Licht folgen. Im Verlauf verblasst das Trauma.
Meistens ist es eine Kombination aus mehreren Therapien, die sich wunderbar ergänzen.
Zusätzlich hat sich die Behandlung des Blasenmeridians im Verlauf der Wirbelsäule als hilfreich erwiesen. Hier fährt man mit der Hand über die Region paravertebral beidseits im Meridianverlauf, tastet Verquellungen und beobachtet die Reaktionen auf der Haut mit dem Wechsel zwischen Rötung und Weißfärbung. Dann wird auch diese Auffälligkeit mit den üblichen lokalen Anwendungen behandelt.

 

Aus der Praxis

Lumbalgie und Schwäche Ein 51-jähriger Patient mit Z. n. Bandscheibenprothesen-Operation 2009 stellte sich vor. Wegen Komplikationen hatte er eine Revisionsoperation und Spondylodese L4-5 hinter sich. Danach entwickelten sich Lumbalgien und eine Schwäche im rechten Oberschenkel in der ventralen und dorsalen Muskelkette, die sich therapieresistent zeigten. Ein im Verlauf angefertigtes Kontroll-MRT der LWS zeigte keine Nervenkompression. Eine Zuordnung zu einem einzelnen Nervbestand ebenfalls nicht. Der Patient, ein ehemaliger Triathlet, wollte die Schwäche nicht akzeptieren. In der Untersuchung zeigte sich ein Narbenstörfeld von der Wirbelsäulenoperation und eine störende alte große Blinddarmnarbe. 
Therapie Ich habe bei dem Patienten die Narbe im Bereich der LWS und die Blinddarmnarbe jeweils dreimal mit Bupivacain unterspritzt und eine homöopathische Behandlung mit Staphisagria in steigender Potenz von C30 bis C1000 im Verlauf von vier Monaten, Akupunktur und eine Eigenbehandlung mit zwei Narbensalben durchgeführt. Nach acht Behandlungen war der Patient wieder leistungsfähig. Er kann heute wieder zwei Stunden laufen oder Fahrrad fahren – durch die Behandlung der Narben.
Narben, seien es physische oder psychische, stellen eine weit unterschätzte und zu wenig beachtete Problematik dar. Insbesondere bei therapieresistenten Beschwerden sollte unbedingt auch an Narben als Störfelder gedacht werden.
Seitdem die Therapie der Narben in meiner Praxis einen wichtigen Stellenwert einnimmt, habe ich deutlich bessere Erfolge, besonders bei Patienten, die schon viele erfolglose Therapien hinter sich haben.
Quelle:

Autor Marcus Ambrusch ist Facharzt für Orthopädie, Chirotherapie, Akupunktur, Applied Kinesiology und niedergelassen in eigener Privatpraxis sowie Mitarbeiter einer kassenärztlichen Gemeinschaftspraxis in Erlangen. E-Mail: marcus@ambrusch.net

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