West trifft Ost | Naturmedizin 4/2018

Interdisziplinär und interkulturell neue Wege gehen

Wo es in der Vergangenheit eine strikte Trennung zwischen Schulmedizin, Naturheilkunde und traditioneller asiatischer Medizin gab, da gibt es seit einigen Jahren immer mehr Angehörige von Heilberufen, die gemeinsam die beste Essenz aus allen Methoden suchen. Dr. med. Dorothea Zeise-Süss berichtet hier über ihre experimentelle Erforschung bestimmter Akupunkturpunkte.
Wo bis vor Kurzem noch eifersüchtig über dem eigenen Tun gewacht wurde, Gesellschaften ihre Methode streng geheim hielten und sich gegenseitig bekämpften, wo geradezu jüngerhaft einem Lehrer gefolgt wurde und jeder Schüler der Beste sein wollte, hat man es jetzt zumindest teilweise geschafft, über den Tellerrand hinauszusehen und miteinander zu reden.
Dass aber Medizin, Anthropologie, Sinologie, Biologie, Neurochirurgie und viele andere Disziplinen unter einer Überschrift gemeinsam neue Wege suchen zu Überlegungen, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht, in dem Wissen frei ist und geteilt wird, das ist einzigartig und gibt es noch nicht lange.
Es gilt, diesen Weg zu finden. Gehen muss ihn jeder auf seine Weise.
 
Persönliche Erfahrungen
 
Für mich persönlich gilt: Ich danke allen meinen Lehrern, sie gaben mir Wurzeln. Jetzt habe ich meine Flügel gefunden und muss und darf fliegen. Mit dem Hintergrundwissen der TCM, gelernt über viele Jahre, und der intensiven Ausbildung bei Toshikatsu Yamamoto bin ich jetzt in der Lage, als westlich denkende Ärztin Forschung zu betreiben, die Zusammenhänge der Akupunkturwirkung messbar und erklärbar machen will.
Auf der Basis der YNSA (www.ynsa-teach.com) fand ich zunächst, dass auch bei dieser Methode die Unterteilung der Diagnostik und Therapie in Yin und Yang unbedingt erforderlich ist. Die Definition, ob akute oder chronische Krankheit, ob bei dem Patienten energetisch ein Yin- oder ein Yangzustand vorliegt, ist für den Therapieerfolg unbedingt notwendig. Ebenso ist die Schädelakupunktur alleine ohne Kenntnis der Zusammenhänge der fünf Elemente, der Organuhr und der Bedeutung der einzelnen Meridiane nicht komplett.
Einige Punkte fand ich, die vorher nicht beschrieben waren. Dies sind zunächst die Hirnnervenpunkte auf der Yangseite des Schädels, dann die Einschlaf- und Aufwachpunkte auf der Yinseite und die (von Yamamoto so benannten) ZS-Punkte Yin und Yang (= Zeise-Süss-Punkte).
 

 

 
ZS-Punkte Yin und Yang
 
Dass die Akupunktur dieser Punkte Wirkung auf die Hypophysenhormone zeigt, konnte zunächst auf der Yinseite gezeigt werden. Frauen mit Wechseljahresbeschwerden erfahren eine Besserung der typischen Beschwerden, beispielsweise bei Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen.
Laborchemisch konnte nachgewiesen werden, dass der körpereigene Östrogenspiegel nach Akupunktur am ZS-Punkt Yin ansteigt.
Auch das Abstillen wird durch Akupunktur des ZS-Punktes auf der Yangseite gefördert und erfolgt innerhalb weniger Tage danach. Dies geschieht durch eine laborchemisch messbare Senkung des Prolactinspiegels im Blut. Eine Untersuchung zur Wirkung der Nadelung des ZS-Punktes auf der Yangseite ergab eine Senkung des erhöhten Prolactinspiegels bei Frauen mit Kinderwunsch in der gleichen Weise wie durch das Medikament Bromocriptin.
Dieses Ergebnis führte zu folgender Hypothese: Wenn die Akupunktur der ZS-Punktes auf der Yangseite (Prolactin entspricht in der Wirkung eher Yin) genauso wirkt wie Bromocriptin, eines der ältesten Medikamente bei Morbus Parkinson, dann müsste die Akupunktur hier auch wirksam sein bei Morbus Parkinson.
Daraufhin folgte die ADAPt-Sudie mit 60 Parkinsonpatienten, 30 in der Verumgruppe, 30 in der Kontrollgruppe. Die Studie wurde in der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur DZA veröffentlicht (Zeise-Süß D: Therapy of parkinsons´s disease using scalp acupuncture. DZA 2016).
 
Zusammenfassung
 
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Verbesserungen – gemessen mit zahlreichen Fragebogen in Form UPDRS Teil 1 und 2 (Unified Parkinson‘s disease rating scale) und an Anfang und Ende des zwölfwöchigen Beobachtungszeitraums mit jeweils – PDQ39 eine signifikante Verbesserung der jeweils abgefragten Beschwerden ergab.
Die Beobachtung, dass die Akupunktur des ZS-Punktes auf der Yinseite bei Parkinsonpatienten, die gut medikamentös eingestellt waren, Situationen ergab wie bei einer Dopaminüberdosierung, führen zu der Überlegung, dass hier der körpereigene Dopaminspiegel erhöht wird. Dieses Befinden hält etwa eine Woche an.
Ebenso konnte beobachtet werden, dass Patienten, die weder die Medikation mit Dopamin noch die mit den verschiedensten Agonisten vertragen, nach der Akupunktur exakt die gleichen Nebenwirkungen zeigen wie nach Medikamenteneinnahme.
 
Somatotop
 
Betrachtet man all diese Effekte bei der Akupunktur von jeweils nur einem Punkt an der Yin- und einem Punkt an der Yangseite des Schädels und betrachtet man weiterhin die anatomische Lage dieser Punkte über der Sagittalnaht, über dem Mittelhirn, so liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den ZS-Punkten um ein eigenes Somatotop handeln könnte, das schon rein räumlich nahe den uns interessierenden Strukturen liegt.
Zieht man die Lehre Pischingers hinzu, dessen Schüler und Mitarbeiter der vor Kurzem verstorbene Hartmut Heine war, so kann man eine Arbeitshypothese formulieren, welche die Wirkungsweise der Schädelakupunktur nach Yamamoto erklären kann: Nach der Theorie von Pischingers Grundsubstanz kommt es durch Stauung von Energie (gleichbedeutend mit Krankheit) zu Verquellungen der Polyglucane und Vielfacheiweiße.
Dies könnte auch außerhalb des Schädels die Gewebeverquellung sein, die bei der Schädelakupunktur nach Yamamoto als kleine, mehr oder weniger druckschmerzhafte Knoten zu tasten sind. Durch den Reiz der Akupunkturnadel, der nach Heine 200-fach größer ist als der Durchmesser der Nadel, kommt es zu einer fortgeleiteten Energie, die im Falle des postulierten ZS-Somatotops durch die anatomische Lage desselben schnell in das Schädelinnere zum Gehirn (hier Hypothalamus, Hypophyse und Stammhirn) mit seiner Substantia nigra gelangt.
Die Geschwindigkeit, mit der die Reize weitergeleitet werden, erklärt Heine mit einem Transport über Hohlzylinder, durch die eine Reizübertragung innerhalb von Picosekunden erfolgt. Dann werden Botenstoffe gebildet, durch die die Produktion von Dopamin, Serotonin und ähnlichen Hormonen angeregt wird.
Wie überall im Körper ist es auch hier sinnvoll, die Bildung von körpereigenen Stoffen anzuregen, bevor man Ersatzstoffe in Form von Medikamenten gibt.
Im Fall von Dopamin kommt hinzu, dass das Medikament im Körper zunächst in die aktive Form umgewandelt werden muss, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Das körpereigene Dopamin kann direkt an seinen Rezeptoren wirken.
So ist bei der Parkinson-Erkrankung dringend eine Früherkennung nötig. Im Anfangsstadium könnte die Akupunktur in der beschriebenen Weise wirken, bevor Gewebe untergeht. Die Zeit bis zum Auftreten der zum Teil schwerwiegenden Symptome könnte so verlängert und die Dosis der bisher gegebenen Medikamente länger beibehalten werden.
Selbstverständlich bedarf es weiterer Grundlagenforschung um diese Akupunkturwirkung zu beweisen.
 

 

 
Autorin Dr. med. Dorothea Zeise-Süss, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Akupunktur, Lehrpraxis für Allgemeinmedizin der Universität Heidelberg.

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