Experimentelle Studie | Naturmedizin 6/2019

Hunger macht viel, aber nicht zwingend egoistisch

Hunger macht reizbar und schlägt auf die Laune. Aber verleitet das unangenehme Gefühl auch zu verstärkt egoistischen Verhaltensweisen? Bisher durchgeführte Studien und Befunde legten dies nahe.
Ein internationales Team von Psychologinnen und Psychologen aus Gießen, Hildesheim, Bamberg, Amsterdam und Oxford ist dieser Frage mit einer aufwendigen Studie nachgegangen. Von der Justus-Liebig- Universität Gießen (JLU) war die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Jan Häusser, Professur für Sozialpsychologie, beteiligt. Die Erwartung des Forscherteams bestätigte sich aber nicht: Hunger führte nicht zu gesteigertem Egoismus.
 
Hungrige Probanden
Für die experimentellen Studien wurden die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer angewiesen, mindestens zwölf Stunden vor Beginn der Untersuchungen nichts zu essen, sie kamen also sehr hungrig und mit einem niedrigen Blutzuckerspiegel in das Labor. Dort erhielt die eine Hälfte der Probandinnen und Probanden – die Kontrollgruppe – etwas zu essen, um eine schnelle Sättigung und einen hohen Blutzuckerspiegel zu erzeugen (z. B. zwei Becher Schokopudding). Die Teilnehmer der Experimentalgruppe mussten hungrig bleiben. Dann wurde mittels verschiedener Aufgaben ein mögliches egoistisches Verhalten untersucht. Die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer bekamen beispielsweise einen Geldbetrag von 10 Euro und konnten diesen zwischen sich und den anderen aufteilen. Bei anderen Aufgaben ging es darum, sich kooperativ zu verhalten, um dann gemeinsam einen höheren Gewinn zu erzielen. Manchmal gab es zudem die Möglichkeit, egoistisches Verhalten der anderen Probandinnen und Probanden zu bestrafen. Hungrige und satte Teilnehmer zeigten in ihrem Verhalten aber tatsächlich keine Unterschiede.
 
Essen oder Geld teilen?
Zeigen Menschen eher egoistische Tendenzen, wenn es um Nahrung geht und nicht um Geld? Das wollte das Forscherteam mit einem weiteren Versuch herausfinden. Hierfür bauten die Forscherinnen und Forscher einen Stand vor der Mensa der JLU auf und ließen Studierende, die entweder gerade in die Mensa gingen (also hungrig waren) und Studierende, die aus der Mensa kamen (also satt waren), Geld oder Essen (kleine Päckchen mit Studentenfutter) aufteilen. Wie in den anderen Studien fanden sich keine Belege dafür, dass Hunger egoistischer macht, und zwar unabhängig davon, ob Geld oder Essen aufgeteilt wurde.
 
Angst vor Verlust von sozialem Ansehen
Akuter Hunger kann egoistische Impulse verstärken. Aber die meisten Menschen können diese Impulse gut unterdrücken, sodass sie sich nicht im Verhalten niederschlagen. „Wir gehen davon aus, dass die sozialen Rahmenbedingungen – z. B. mögliche Sanktionen oder der drohende Verlust von sozialem Ansehen – so stark sind, dass solche egoistischen Impulse ausgebremst werden“, so Häusser.
In einer weiteren Studie zeigte n das Team, dass der Glaube an das egoistische Verhalten hungriger Menschen trotzdem weitverbreitet ist. „Grundsätzlich neigen Menschen dazu, egoistisches Verhalten und egoistische Motive zu überschätzen“, sagt Prof. Dr. Paul van Lange, Professor für Psychologie an der Vrije Universiteit Amsterdam (Niederlande), ein weiterer Autor der Studie. „Offenbar gehen sie davon aus, dass insbesondere bei knappen Ressourcen das ‚wahre Ich‘ gezeigt und egoistischer gehandelt wird. Unsere Studien zeigen, dass dies zumindest für akuten Hunger nicht zutreffend ist.“
Quelle: Häusser, JA et al.: Acute hunger does not always undermine prosociality. Nature Communications; doi: 10.1038/s41467-019- 12579-7 / www.idw-online.de

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