Plantage Gesundheit

Naturmedizin 3/2020

Gesundheitsgefahr: Hitze!

In den nächsten 50 Jahren wird die Erde für ein Drittel der Weltbevölkerung so heiß wie die Sahara werden. Der Sommer 2003 forderte in Deutschland 7.000 Hitzetote. Im Juli 2019 wurde in Lingen der Rekordwert von 42,6 °C gemessen. Der Sommer 2020 beginnt: Was ist jetzt wichtig zu wissen? Dies ist der dritte Beitrag der ganzjährigen Serie zur Planetaren Gesundheit.
Wetter- und Klimexperten prognostizieren, dass der Sommer 2020 die bisherige Entwicklung der Klimakrise fortsetzt und es wieder sehr heiß in Deutschland wird – eventuell mit Hitzewellen und neuen Hitzekorden, also großen Gesundheitsgefahren. Risikofaktoren für einen vorzeitigen Tod durch Hitze sind vor allem Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren, der Atemwege sowie Stoffwechselstörungen. Am stärksten betroffen sind Menschen über 70 Jahre, besonders Frauen, einkommensschwache Bevölkerungsgruppen sowie Menschen mit chronischen Krankheiten. Nach Informationen des Robert Koch- Instituts erhöht sich bei jedem Grad mehr die Mortalität um 1 bis 6 %. Das Gesundheitssystem sollte also – eigentlich – vorbereitet sein; Arztpraxen, Krankenhäuser, Pflegeheime, ambulante Pflegedienste werden verstärkt gefordert werden. (UBA 2019)
 
Gefährdete Personengruppen
Ein Hitzeaktionsplan sollte mittels Verhaltens- und verhältnispräventiver Maßnahmen Hitzeexposition und -gesundheitsauswirkungen reduzieren, um hitzebedingten Erkrankungen und möglichen Todesfällen vorzubeugen. Es gibt Handlungsempfehlungen des Bundesumweltministeriums, aber konkrete Hitzeaktionspläne mit Vorgaben sind noch nicht in der Praxis angekommen. Es fehlen vielerorts Informationen und das Vorhalten von Ressourcen, zum Beispiel gekühlte, klimatisierte Räume für betroffene Patienten; und ein entscheidender Punkt ist, dass gefährdete Personengruppen eigentlich möglichst breit berücksichtig werden müssten:
• alleinstehende ältere und pflegebedürftige Menschen
• Säuglinge und Kleinkinder
• Menschen mit Gedächtnisstörungen oder Demenz, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind
• Menschen unter bestimmter medikamentöser Behandlung (wie Beruhigungsmittel, entwässernde und blutdrucksenkende Medikamente)
• chronisch Kranke (zum Beispiel mit neurologischen Krankheiten, Herz- Kreislauf-Krankheiten oder Stoffwechselkrankheiten)
• Menschen mit Fieber
• Konsumenten von Alkohol und psychoaktiv wirkenden Drogen
• Menschen mit bekannten Störungen der Hitzeanpassung
• behinderte Menschen
• Menschen, die im Freien arbeiten oder Sport treiben
 
Hitzestress
Die Symptome von Hitzestress sollten frühzeitig erkannt werden:
• Müdigkeit und Schwindel
• Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufkollaps
• Herzrhythmusstörungen Muskelkrämpfe
• geschwollene Beine/„dicke“ Füße
• Krampfanfälle
• gestörte Thermoregulation, vor allem bei chronisch Kranken und Adipösen
• Wahrnehmungs- und Anpassungsstörungen bei psychischen Erkrankungen/ Demenz
• Neigung zur Hyperventilation und Dehydrierung bei Patienten mit Atemwegserkrankungen
• Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts bei Nierenkranken (vgl. Spielberg 2019)
 
Risikomedikationen
Eine wirksame Intervention zur Prävention von Gesundheitsschäden durch Hitzewellen ist die regelmäßige Überprüfung des Arzneimittelregimes und die Anpassung des Medikamentenplans. Viele Medikamente zeigen Nebenwirkungen, wenn Hitzeexposition Auswirkungen zeigt, etwa erhöhte Körpertemperatur, verringertes Durstgefühl, verringertes Schwitzen, Dehydratation oder Elektrolyt-Imbalance. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit stellt Empfehlungen für Ärzte bereit, welche Medikamente bei einer Hitzewelle Probleme bereiten können und hinsichtlich einer Dosisanpassung sorgfältig beobachtet werden sollten (siehe unten bei „Infos und Materialien“).
 
Patienteninformation
Ausführliche Hinweise, was der Einzelne tun kann, um bei Hitze gesund zu bleiben, gibt eine Broschüre des Umweltbundesamtes (siehe unten). Neben allgemeinen Tipps zum Tagesablauf und Sonnenschutz, werden Hinweise zum Trinken und Essen gegeben sowie zur Kühlung. Außerdem wird auf Säuglinge und Kleinkinder sowie die häusliche Pflege älterer Menschen eingegangen.
Besonders wichtig ist natürlich das Trinken. Empfohlen werden 1,5 bis 2 Liter am Tag, bei starkem Schwitzen auch ca. 0,5 Liter mehr. Getränke mit Mineralstoffen wie Apfelschorle oder alkoholfreies Bier sind günstig. Abgeraten wird von zuckerhaltigen Limonaden, vor allem von Cola, da es bei chronischer Nierenerkrankung schädlich ist, wenn der Phosphatspiegel steigt.
 
Arbeitsstättenverordnung
Allgemeine Forderungen der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers konkretisiert die Arbeitsstättenregel „ASR A3.5 Raumtemperatur“. Für eine Arztpraxis bedeutet sie: Bei einer Außenlufttemperatur von über 26 °C sollten wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um die Beanspruchung der Beschäftigten in den Räumen zu reduzieren. Wenn die Lufttemperatur im Raum 30 °C überschreitet, muss darüber hinaus gehandelt werden: Beispiele sind die effektive Steuerung des Sonnenschutzes, indem Jalousien auch nach der Arbeitszeit geschlossen bleiben, eine Reduzierung der inneren thermischen Lasten, indem zum Beispiel elektrische Geräte nur bei Bedarf betrieben werden, die Lüftung der Räume in den frühen Morgenstunden, eine Lockerung der Bekleidungsregelungen sowie die Bereitstellung geeigneter Getränke. Steigt die Raumtemperatur auf über 35 °C, muss der Arbeitsraum für die Zeit der Überschreitung geschlossen werden.
 
Achtung: Gefühlte Temperatur!
Mit der sogenannten gefühlten Temperatur wird das Wärmeempfinden eines durchschnittlichen Erwachsenen im Freien bezeichnet. Sie ist unter warmen, sonnigen und windschwachen sommerlichen Bedingungen höher als die Lufttemperatur. Sie kann im Extremfall in Mitteleuropa bis 15 °C über der gemessenen Lufttemperatur liegen. (UBA 2019)
 
Thermophysiologie
Der Deutsche Wetterdienst differenziert zwischen zwei Stufen der thermophysiologischen Wärmebelastung:
1. Starke Wärmebelastung: mehrere Tage andauernd, intensive Sonneneinstrahlung, hohe Lufttemperaturen (über 29°C im Schatten), erhöhte relative Luftfeuchte, geringe Windbewegung, die gefühlte Temperatur liegt bei über 32 °C.
2. Extreme Wärmebelastung: mehrere Tage andauernde stabile Wetterlage, intensive Sonneneinstrahlung, extrem hohe Lufttemperaturen (um 35 °C im Schatten), erhöhte relative Luftfeuchte, geringe Windbewegung, geringe nächtliche Abkühlung, gefühlte Temperatur über 38 °C. (UBA 2019)
 
Sommersmog
Eine zu hohe Belastung vor allem durch Hitze und bodennahes Ozon kann auch zum sogenannten Sommersmog führen. Folgen sind Schleimhautreizungen, Einschränkungen der Lungenfunktion, Entzündungsreaktionen der Atemwege und Beeinträchtigungen der körperlichen Leistungsfähigkeit. Studien der Hitzewelle von 2003 in Westeuropa zeigen, dass in Phasen extremer Hitze erhöhte Ozon- und Feinstaubkonzentrationen entstehen.
 
Handeln für die Planetare Gesundheit
Der Deutsche Ärztetag hätte als ein Schwerpunktthema „Klimawandel und Gesundheit“ aufgegriffen; leider ist er aufgrund der Corona-Krise ausgefallen. Aber die nötigen Einstiegsinformationen für ein Engangement als Arzt und allgemein als Profi im Gesundheitssystem findet man auf der Internetseite ders- Hausärzteverbands Oberbergischer Kreis (Link siehe unten).
Die Weltorganisation der Haus- und Familienärzt*innen (WONCA) ist eine Non-Profit-Organisation mit 118 Mitgliedsorganisationen in 131 Ländern und Regionen. In ihr sind rund 500.000 Ärzt*innen organisiert. WONCA hat eine Deklaration veröffentlicht („An die Haus- und Familienärzt*innen der Welt: Aufruf zum Handeln für die Planetare Gesundheit“), die auf der Seite des Hausärzteverbands Oberbergischer Kreis auch in deutscher Übersetzung vorliegt (s.u.). Sie fasst zusammen, worin die Risiken von Umweltveränderungen liegen, und nennt Ansätze und Interventionsmöglichkeiten.
 
Infos und Materialien
Hintergrundinformation Klimawandel: Hitze; inkl. Hinweise zur Risikomedikation https://www.klimawandel-gesundheit.de/wp-content/uploads/2019/06/Hintergrund-HITZE.pdf
Patienteninfo Hitze zum Download auf einer DIN-A4-Seite: https://cdn.hausarzt.digital/wp-content/uploads/2019/06/Patienteninfo_Hitze.pdf
Informationen für Hausärzte rund um die Klimakrise: https://www.hausaerzte-oberberg.de/klimawandel-und-gesundheit/klima-krise/
Umweltbundesamt (UBA) (Hrsg.) Klimawandel und Gesundheit. Tipps für sommerliche Hitze. Hitze und Hitzewellen. Für Mensch & Umwelt. Stand: Juni 2019. Im Internet: https://www.umweltbundesamt. de/en/publikationen/klimawandel-gesundheit-tipps-fuer-sommerliche-hitze; Stand: 17.1.2019
Der deutsche Wetterdienst gibt täglich aktualisierte Warnhinweise zu Gefährdungen durch Wetterlagen. https://www.dwd.de/DE/wetter/warnungen/ warnWetter_node.html
 
Serie zur Planetaren Gesundheit
Teil 1: Planetary Health – die Herausforderung der Ganzheitllichkeit. Naturmed- Depesche 1/2020
Teil 2: Planetary Health Diet. Naturmed- Depesche 2/2020 In der nächsten Ausgabe erscheint
Teil 3 zu den Themen Allergien, Infektionen und Luftverschmutzung vor dem Hintergrund der Klimakrise.
Quelle: Autor: Frank Aschoff; ist Fachjournalist (DJK) und auf Wissenschafts- / Medizinjournalismus spezialisiert. Literatur beim Autor E-Mail: frank.aschoff@web.de
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