Interview

Naturmedizin

Es ist wichtig, einfach anzufangen!

Klimaschutz ist auch direkt Gesundheitsschutz. Was kann neben dem notwendigen politischen und gesellschaftlichen Handeln auch in jeder einzelnen Artzpraxis getan werden? Darüber hat sich NMD-Redakteur Frank Aschoff mit der Orthopädin Dr. med. Gudula Keller unterhalten. Sie hat die Initiative Nachhaltige Praxis mit ins Leben gerufen und führt ihre eigene Praxis in Richtung eines besseren CO2-Abdrucks.

46,6, 47,9, 49,5 Grad – die kanadische Ortschaft Lytton stellte gleich 3 neue Temperaturrekorde auf, an 3 aufeinanderfolgenden Tagen. Danach wurde der Ort durch einen der vielen Brände fast vollständig zerstört. Zum Zeitpunkt des Interviews mit der Orthopädin Dr. med. Gudula Keller Anfang Juli lag dies nur wenige Tage zurück. Nach dem Gespräch forderte Mitte Juli die verheerende Flutkatastrophe allein in Deutschland über 180 Menschenleben. Der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit solcher Katastrophen.

Welche Gefühle und Gedanken haben die Nachrichten von der Hitzekrise in Kanada bei Ihnen ausgelöst?     

Gute Einstiegsfrage! Das zeigt, dass wir mittendrin sind im Klimawandel. Und so etwas kann bei uns auch vorkommen. Das ist natürlich immer spannend, wenn das weit weg passiert, aber das ist ja deswegen trotzdem nicht aus der Welt.

Porträtfoto Interview mit Ärztin Gudula-Keller zum Thema nachhaltige Praxis Gesundheit und Umweltschutz
© privat Dr. med Gudula Keller, Fachärztin für Örthopöädie. Kontakt: praxis@orthopaedie-strehlen.de

 

Die Hitzegefahr wird ja auch bei KLUG, der Allianz für Klimawandel und Gesundheit, immer wieder stark thematisiert, weil es das Thema ist, was den Menschen aktuell besonders stark auf den Leib rückt und was für Patient:innen auch am ehesten spürbar ist. Wie sind Sie persönlich zur Klimabewegten geworden?   

Also tatsächlich durch meine Kinder, die beide vor 2 Jahren bei Friday for Future aktiv geworden sind. Meine Tochter wollte nicht mehr zum Austausch nach Argentinien fliegen. Dann hatten wir das Mädchen hier ... Unser Sohn ist engagiert, hält Reden und ist mit im Organisationsteam hier in Dresden. Dann haben wir geschaut, was bei uns hier im Nahfeld möglich ist und haben festgestellt, dass es hier noch keine Ortsgruppe Health for Future in Dresden gibt und haben dann im März 2020 die Ortsgruppe gegründet – gemeinsam mit noch 3 anderen.

Ich persönlich bin eingestiegen mit der Umstellung auf Ökostrom. Das ist einfach und erzielt einen großen Effekt.

Und wenn Sie „Wir“ sagen sind das ärztliche Kolleg:innen?   

Genau, 3 ärztliche Kollegen, wobei wir auch offen sind für andere Berufe. Aber der überwiegende Anteil in unserer Ortsgruppe sind schon Ärzte.

Also den Anfang machten die innerfamiliären Diskussionen. Inzwischen gibt es auch die Webseite Initiative Nachhaltige Praxis. Wie habe ich mir den Prozess vorzustellen?   

Es ging eigentlich um den globalen Klimastreik im Frühjahr 2020 wo Fridays for Future um Unterstützung durch die anderen For Future-Gruppen gebeten hat: Science und Parents. Da haben wir festgestellt, dass Health for Future hier in Dresden noch keine Vertretung hatte. Nachdem wir die Ortsgruppe gegründet hatten, sind dann ja durch die Pandemie Aktionen im öffentlichen Raum nicht mehr möglich gewesen. Und deswegen sind wir dann mit Arbeitsgruppen schnell in die inhaltliche Diskussion gekommen.

Der CO2-Rechner berücksichtigt unternehmensspezifische Dinge, also auch Praxismaterial, Anfahrtswege von Patienten und Personal, Medikamente die verordnet werden und medizinische Einrichtungen und Geräte.

Da sind ja inzwischen auch sehr hilfreiche Tools entstanden, zum Beispiel eine Checkliste, anhand derer man als ärztliche Kollegin oder Kollege schon ins Handeln kommen kann.     

Genau, wir haben festgestellt, dass es wenig Material gab, da war letztes Jahr noch nicht viel da, das hat sich inzwischen ein bisschen gewandelt. Wir haben dann unsere Checkliste entworfen, ziemlich speziell für den sächsischen Raum. Mittlerweile gibt es ja auch ein ganzes Handbuch „Grüne Praxen“. Wir haben dann neben der Checkliste auch einen Flyer entworfen, die Webseite erstellt und sind darüber noch mit Kollegen ins Gespräch gekommen.    

Und inzwischen gibt es auch einen CO2-Rechner, der speziell für medizinische Praxen konzipiert ist. Wie ist der entstanden?     
 
Wir hatten unseren Flyer vorgestellt im KV-Blatt Sachsen. Daraufhin hat sich ein ärztlicher Kollege aus Dresden gemeldet, der Gründungsmitglied der Stiftung Wilderness International ist. Diese Stiftung hat schon CO2-Rechner für Büros, Schulen und Einzelpersonen entwickelt und war sowieso dabei, einen CO2-Rechner für medizinische Praxen zu entwerfen und hat deswegen um Zusammenarbeit gebeten. Wir fanden das interessant, weil es noch nicht möglich war, direkt für eine Arztpraxis einen CO2-Fußabdruck zu berechnen. Ich hatte das für meine Praxis mit dem Rechner des Umweltbundesamtes versucht und festgestellt, dass es nicht gut passt. Daraufhin hat sich die Zusammenarbeit entwickelt. Wir haben Durchschnittswerte aus verschiedenen Praxen mit einfließen lassen, der jetzt seit Anfang Mai 2021 auf der Webseite steht“.  

Welche speziellen Vorteile hat dieser Rechner?    

Er berücksichtigt unternehmensspezifische Dinge, also auch Praxismaterial, Anfahrtswege von Patienten und Personal, Medikamente die verordnet werden und medizinische Einrichtungen und Geräte.    

Wenn ich auf die Checkliste schaue: Das sind ja ca. 15 verschiedene Rubriken mit verschiedensten Unterpunkten. Wo kann ich am besten beginnen? Wo sind Sie selbst konkret gestartet?  
 
Ich persönlich bin eingestiegen mit der Umstellung auf Ökostrom. Das ist einfach und erzielt einen großen Effekt. Wir haben sogar gespart, weil es sowieso mal umgestellt werden musste. Das zweite war, die Schwestern in das Abfallmanagement mit einbezieht. Vieles was man zuhause macht, wird im Arbeitsumfeld nicht berücksichtigt. Das geht von der Mülltrennung über das Papiersparen bis zu Einwegmaterial, was nicht nötig ist.
 
Wo sind Sie auf Schwierigkeiten gestoßen, den Fußabdruck als Arztpraxis verringern?  
 
Sehr schwierig sind alle Materialien, die man einkauft, weil es kaum nachzuvollziehen ist, wie die Wege und Lieferketten sind. Ich habe mit unserem Apotheker ein Gespräch geführt, um ihn zu sensibilisieren und dass er auch seinerseits schaut. Das ist aber ziemlich intransparent und schwer zu beeinflussen. Da kann man nur durch Nachfragen dafür sensibilisieren. Was gut funktioniert ist die Umstellung auf Recycling-Papier und Büromaterialien, die über Anbieter eingekauft werden können, die nachhaltig wirtschaften.

Im privaten Bereich gibt es ja zunehmend Angebote über Kompensation klimaneutral zu werden. Was halten Sie davon im Zusammenhang mit Arztpraxen?     

Das halte ich grundsätzlich für schwierig. Denn es geht ja darum, den Fußabdruck tatsächlich zu verringern. Bei den Kompensationsprojekten kann man nur vertrauen. Aber es geht um das Sparen! Nur da wo es nicht mehr möglich ist, ist Kompensation sinnvoll.

In ärztlichen Kreisen ist ja auch zunehmend das sog. Divestment ein Thema, also kritisch zu fragen: Wo arbeitet mein Geld? Haben Sie da Erfahrungen?
      
Das ist interessant, wo das große Geld hingeht. Unser Sohn ist gezielt zur BKK Provita gegangen, also der ersten gesetzlichen Krankenkassse, die klimaneutral arbeitet. Wir haben in Dresden auch eine Arbeitsgruppe Divestment, die es vor Kurzem geschafft hat, in die erweiterte Kammerversammlung der sächsischen Ärzteversorgung den Antrag einzubringen, dass sich die sächsische Ärzteversorgung CO2-neutral ausrichtet, bzw. sich am Pariser Klimaabkommen orientiert. Und das ist tatsächlich auch so beschlossen worden. Das ist ein großer Erfolg gewesen.  

Sie sprechen die Vernetzung unter den Ärzten an. Kann ich mir das so vorstellen, dass die Initiative Nachhaltige Praxis auch ein wachsendes Netzwerk ist, im Bereich Dresden?

Ja, wir versuchen es, aber es ist nicht ganz einfach. Man muss die Kollegen gezielt ansprechen. Man kriegt viel Zuspruch. Aber es gibt mentale Hürden. Und KLUG startet jetzt auch ein Projekt und ich bin mir nicht ganz sicher, ob man viele Parallelstrukturen aufbauen sollte, oder ob man das Ganze unter dem Dach von KLUG lässt.

Die Dermatologen sind ja auch mit einem Arbeitskreis DermPlastik (siehe Info-Kasten) unterwegs. Das Handbuch für Grüne Praxen (siehe Info-Kasten) ist entstanden. Und KLUG mit dem Rahmenwerk für klimagerechte Gesundheitseinrichtungen (siehe Info-Kasten. Wo sehen Sie den Weg?

Ich denke, dass es wichtig ist, dass KLUG die große Linie vorgibt – für die politische Schlagkraft. Trotzdem ist die regionale Arbeit wichtig!

Das Schöne ist, wenn es in kleinen Schritten vorwärtsgeht! Wenn Patienten und Personal mitziehen.

Könnte ein regionales Netzwerk zum Beispiel auch medizinische Geräte „teilen“?

Eine Möglichkeit wäre bei den Mehrwegmaterialien die Sterilisation. Auch Einkaufsgemeinschaften könnten sich bilden, bei Medikamenten zum Beispiel für den Nacht- oder Hausbesuchsdienst.   

Sie sind Orthopädin und auf Ihrer Webseite ermuntern Sie Ihre Patient:innen, für die Anfahrt zur Praxis den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen oder noch besser für die Gelenke und die Gesamtgesundheit auch das Fahrrad zu nehmen. Haben Sie damit erste Erfolge bei Ihren Patien:innen?

Viele versuchen Rad zu fahren, aber in Dresden ist das Radnetz nicht gut ausgebaut. Es kommen auch viele Patienten mit dem öffentlichen Nahverkehr, aber es gibt einen großen Anteil, der das Auto nutzt. Wobei gerade ältere, auch gehbehinderte Patienten, die nicht mehr Auto fahren können, nehmen sich die Zeit, und kommen häufiger zu Fuß, als Patienten die mobil sind aber im Arbeitsprozess eingebunden sind und aufgrund von Zeitmangel meist das Auto nutzen zu müssen.

Klimaschutz und Gesundheit können ja eine Synergie bilden ...  

Ja, Radfahren schützt Klima und Gesundheit! Auch beim Hausbesuch.

Führt das nachhaltige Wirtschaften auch zu mehr Spaß und mehr Zufriedenheit im Arbeitsalltag?

Das Schöne ist, wenn es in kleinen Schritten vorwärtsgeht! Wenn Patienten und Personal mitziehen.

Hält das Team zusammen bei dem Thema?

Anfangs waren die Schwestern schon etwas skeptisch. Wir haben eingeführt, dass jeder für einen Raum verantwortlich ist, wo nach Ende der Arbeitszeit alles kontrolliert wird. Sind die Fenster zu? Die Heizungen aus? Ist der Computer ausgestellt?  

Was sind Ihre Wünsche für die deutsche Ärzteschaft? Die nächsten Schritte?

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen stellt eine große Chance dar – wenn man z.B. keine Briefe mehr schreiben und verschicken muss. Wir sind dabei, die Kommunikation im Medizinwesen, KIM, einzuführen. Wir verschicken Arztbriefe elektronisch. So wie dies verpflichtend eingeführt wird, wäre es auch wichtig verpflichtend einzuführen, die Server der Telematik auch mit Ökostrom betrieben werden. Es ist wichtig, einfach anzufangen! Und zu merken, dass man selbstwirksam sein kann. Das schafft auch Zufriedenheit.

Das Gespräch hat  NMD-Redakteur Frank Aschoff geführt.

 

 

Quelle:

Die Initiative „Nachhaltige Praxis“ ist eine Arbeitsgemeinschaft von Health For Future Dresden, der Aktionsplattform von KLUG (Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit e.V.): https://www.initiative-nachhaltige-praxis.de/index.php

CO2-Rechner: https://www.thankyounature.org/medizinische-praxis

Der Arbeitskreis Plastik der DDG: https://www.akdermaplastik.de

Handbuch Grüne Praxen: https://healthforfuture-hamburg.org/wp-content/uploads/Handbuch-Gruene-Praxen-H4F-HH-final.pdf

KLUG: Rahmenwerk für klimagerechte Gesundheitseinrichtungen: https://www.klimawandel-gesundheit.de/klug-veroeffentlicht-rahmenwerk-fuer-klimaneutrale-gesundheitseinrichtungen/

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