Im Gespräch | Naturmedizin 3/2019

Erfolgreiche Kombination in der ärztlichen Praxis

Gabriela Huemer praktiziert erfolgreich eine Kombination aus östlichen und westlichen Naturheilverfahren und konventioneller Medizin.
Seit über 30 Jahren praktizieren Sie Akupunktur. Haben Sie das Gefühl, die Methode ganz durchdrungen zu haben, oder gibt es noch Momente des Lernens, überraschende und erstaunliche Erkenntnisse?
Akupunktur und TCM sind Bereiche, in denen ich neben einer guten Ausbildung bei verschiedenen Lehrern auch über sehr viel Therapieerfahrung verfüge. Trotzdem hat man hier nie ausgelernt. Es gibt viele unterschiedliche Methoden der Herangehensweise in der Akupunktur und auch neue Entwicklungen gerade auf dem Sektor chinesische Arzneitherapie; neben den alten Klassikern der Lehre ist das System trotzdem offen und lebendig, das Wissen aus Studien wird beleuchtet und integriert, hier hat man immer Neues zu lernen und will auch immer mehr wissen und Zusammenhänge verstehen lernen. Deshalb besuche ich immer wieder Fortbildungsveranstaltungen sowie wissenschaftlich orientierte Jahreskongresse und bleibe mit qualifizierten Kolleginnen und Kollegen im fachlichen Austausch. Über die Jahre gesehen kann ich bei mir beobachten, dass ich in der Therapie auch immer wieder neue Nadelstichtechniken, Punktkombinationen und Therapiemethoden mit einfließen lasse, ausprobiere und, wenn sie erfolgreich sind, integriere. Besonders schön finde ich auch immer wieder die Momente in der Therapie, die einem in der eigenen Arbeit immer wieder eine Bewunderung und ehrfürchtiges Erstaunen gegenüber der TCM bringen, Momente, die zeigen, auf welcher Erfahrung und exakter Beobachtung und Beschreibung die TCM beruht und auf welchen Wissensschatz wir heute aufbauen können. Gerade in den Bereichen psychosomatische Zusammenhänge im Rahmen von körperlichen Beschwerden ist das oft besonders spannend, sowohl für mich als auch für den Patienten, der im Therapieverlauf erstarkt, seine Beschwerden in einem anderen und nachvollziehbaren Erklärungsmodell sehen kann, in dem er nicht länger Opfer ist, sondern selber etwas ändern kann und auch erkennt, wo er dafür ansetzen muss.
 
Kritiker führen ja häufig den Punkt an, dass medizinische Verfahren anderer Kulturkreise nicht auf Patienten hierzulande übertragbar seien. Wie sehen Sie das?
Das muss man sehr differenziert sehen. Die Kunst der Anamnese und Differentialdiagnostik der TCM sowie der Therapie lassen sich sehr wohl auf andere Kulturkreise übertragen. Das ist eine Frage des Wissens und Könnens seitens des Therapeuten. Der Patient benötigt hierfür keine Vorkenntnisse, auch keinen Glauben an die Methode; es reicht, wenn er dafür offen ist. Die Häufigkeit von einzelnen Syndromen (also Krankheitsbildern) mögen je nach kulturellem Kontext unterschiedlich sein, der Therapieansatz für das vorliegende Syndrom wiederum wirkt in jedem Kulturkreis.
Ein Beispiel: Als ich in China hospitiert habe, behandelten wir dort sehr viele Neuralgien und Fascialisparesen in der Klinikambulanz, diese Häufigkeit und Schwere begegnen uns in Deutschland seltener. Kommt aber doch gelegentlich ein Patient mit diesen Beschwerden, so sind die Therapieansätze und die Erfolge vergleichbar.
Anderes Beispiel aus der Psychosomatik: Das Syndrom „Leber greift Milz und Magen an“ weist wechselnde Stühle, Blähungen, Sodbrennen und Bauchschmerzen im Rahmen von Stress, Ärger, Ungerechtigkeit, Zeitdruck auf. Die Symptome der Patienten in China und Deutschland sind vergleichbar; da in China aber in der Regel weniger offen über die negativen Emotionen gesprochen wird als in Deutschland, wird der Schwerpunkt der vom Patienten beklagten Beschwerden unterschiedlich sein. Auch der Therapieansatz wird in China vermutlich weniger über ein psychosomatisch orientiertes Gespräch als Ergänzung zur Akupunktur verlaufen, evtl. wird dem Patienten einfach nur ein ausgleichendes Verfahren wie Qigong zusätzlich zur Akupunktur empfohlen. Beide Therapieansätze berücksichtigen aber die in der TCM beschriebene psychische Ebene als Auslöser der Beschwerden, beide Ansätze werden zum Erfolg führen, passen sich einfach nur dem soziopolitischen Kontext der Kulturen an.
 
Kombinieren Sie verschiedene Verfahren?
Durchaus. Ich kombiniere meist verschiedene Verfahren im Rahmen der TCM: Akupunktur, Schröpfkopftherapie, Triggerpunktakupunk tur und Ohrakupunktur lassen sich untereinander gut kombinieren, darüber hinaus können auch noch je nach Krankheitsbild chinesische Arzneitherapie und TCM-Ernährungsberatung im Therapiekonzept infrage kommen. Die verschiedenen Verfahren ergänzen sich sehr gut. Ein Beispiel: Patientin, Mutter von dreijährigen Zwillingen, starke Erschöpfung bei gleichzeitiger Reizbarkeit, breiige Stühle, Durchschlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Minderbelastbarkeit, fahle Haut, Haare trocken, stumpf und brüchig. Nach chinesischem Denken würde man hier sehr gut mit Akupunktur auf das Qi regulierend einwirken, und das Blut könnte man schnell und effektiv mit chinesischen Kräutern und Ernährungsumstellung stärken.
 
Kann die TCM mit westlichen Verfahren kombiniert werden?
Ja, Akupunktur und TCM sind raus aus der Nische alternative Verfahren und werden als integrative, komplementäre Methoden gesehen. Gerade im Bereich der westlichen Phytotherapie habe ich gute Erfahrungen in der Kombination gemacht. Und selbstverständlich lässt sich TCM auch gut mit unserer sogenannten Schulmedizin kombinieren, das wird auch in China so gehandhabt. Warum sollte man dem Patienten ein Schmerzmittel oder notwendiges anderes Medikament oder eine Krankengymnastik oder eine Operation verweigern, wenn die Verfahren zusammen den Erfolg potenzieren können?
 
Sie haben auch die Zusatzbezeichnung Homöopathie erworben. Wie setzen Sie diese Therapiemethode in Ihrer Praxis ein?
Im Lauf der Jahre habe ich festgestellt, dass die Form der TCM-Anamneseerhebung und Diagnosestellung, des Entwickelns von Teerezepturen und des Handanlegens durch Akupunktur, Schröpfkopftherapie, Triggerpunktakupunktur usw. meinem Temperament mehr liegt als das ruhige Abwarten und Wirkenlassen der Homöopathie. Deshalb liegt der Schwerpunkt meiner Praxis seit vielen Jahren auf TCM.
Die Kombination beider Verfahren ist meines Erachtens möglich, aber nicht immer einfach, weil die Heilungswege unterschiedliche Ansätze haben. Deshalb kombiniere ich die klassische Konstitutionstherapie der Homöopathie nicht mit TCM.
Anders ist das in der Akuttherapie. Einen Schnupfen mit den Symptomen „Pulsatilla“ (verquollen, weinerlich, müde, rotzig mit farbigem Sekret) kombiniere ich durchaus mit Akupunktur der klassischen Punkte, die für Schnupfen und Nebenhöhlenentzündung und zur Immunsystemverbesserung gegeben werden, und verabreiche der Patientin Pulsatilla-C-30-Globuli.
 
Was müsste sich ändern, damit Naturheilkunde breiteren Patientengruppen zugänglich wird?
Ich plädiere sehr für Pluralismus in der Medizin. Gerade die Vielfalt der Angebote und ihre möglichen Kombinationen sind ein Schatz für unsere Behandlungsmöglichkeiten. Wir müssen alle dafür eintreten, dass das auch so bleibt. Therapievorgaben bei einzelnen Krankheitsbildern sollen nicht zu sehr nach schulmedizinischen Leitlinien eingeengt werden, bewährte naturheilkundliche Methoden dürfen nicht geschmäht werden. Die Integration der verschiedenen Verfahren und ein breites Angebot an Therapiemöglichkeiten sind ein Gewinn für unsere Patienten. Jeder Patient sollte seinen Weg zusammen mit dem Arzt oder der Ärztin seines Vertrauens gehen dürfen.
Ein schöner Weg hierfür wäre, wenn gesetzliche Kassen ähnlich wie bei der Osteopathie den Patienten einen jährlichen Betrag (z. B. 400 Euro) für die unterschiedlichen Therapieverfahren ermöglichen würden. Was und ob dann der einzelne Patient aus diesem Angebot wählt, wäre dann individuell. Viele Kassen praktizieren das bereits im Rahmen des Osteopathiemodells; die Patienten können bis zu einem bestimmten Betrag oder zwei- bis dreimal jährlich wie Privatpatienten zu einem Osteopathen gehen und reichen die Rechnung dann bei ihrer Kasse ein. Ebenso gibt es gesetzliche Kassen, die naturheilkundliche Arzneien bis zu einem Höchstbetrag erstatten. Ich bin der Meinung, dass durch diese Angebote viele Erkrankungen nicht in eine Chronifizierung übergehen würden und so am Ende dem System viel Geld und Arbeitsunfähigkeitskosten erspart würden.
 
Herzlichen Dank für das Gespräch!

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