Wie DDT und Haarefärben? (Online-first-Artikel)

Praxis-Depesche 2/2018

Ein neues Teilchen im Glyphosat-Puzzle

Christian Schmidt von der CSU hatte Ende 2017 als Landwirtschaftsminister quasi im politischen Alleingang für eine Zulassungsverlängerung von Glyphosat in der EU gestimmt. War das – neben den dadurch verursachten Verstimmungen bei den Koalitionsverhandlungen – eine gute Idee? Eine aktuelle Studie präsentierte nun neue Daten zum Krebsrisiko des Unkrautvernichters.

Die „Agricultural Health Study“ (AHS) ist eine prospektive Kohortendatenbank, in der  Angaben zu allen landwirtschaftlichen Anwendern von lizenzierten Pestiziden in North Carolina und Iowa (USA) enthalten sind – jeder Landwirt, der sich um eine Erlaubnis zum Pestizid-Einsatz bemühte, wurde zwischen 1993 und 1997 eingeschlossen (insgesamt über ­
57 000 Personen). Eine frühere Auswertung der AHS mit Follow-up bis 2001 hatte keine Häufungen von malignen Erkrankungen bei Glyphosat-Verwendern festgestellt. Jetzt wurden neue Ergebnisse präsentiert, die Fälle bis zum Jahr 2012/2013 einschlossen.
82% der Personen, die Pestizide bzw. Herbizide auf Feldern ausbrachten, verwendeten Glyphosat. In einer ersten Auswertung der Basis­zahlen fand sich erneut keine Assoziation zwischen Glyphosat-Ausbringung und Krebserkrankungen der anwendenden Personen. Betrachtete man allerdings die Personen in der obersten Expositionsquartile, so fand sich im Vergleich zu Niemals-Glyphosat-Verwendern ein um 144% erhöhtes Risiko für das Auftreten einer akuten myeloischen Leukämie (AML) – die Assoziation war statistisch jedoch nicht signifikant. Das galt sowohl fünf- als auch zwanzig Jahre nach der Pestizid-Verwendung.
Diese große Kohortenstudie erbrachte demnach keinen Nachweis einer eindeutigen Assoziation zwischen Glyphosat-Ausbringung und soliden Tumoren oder hämatologischen Malignomen (einschließlich Non-Hodgkin-Lymphomen, für die zuvor epidemiologisch eine gewisse Risikoerhöhung gezeigt werden konnte). Man fand allerdings „gewisse Hinweise“ auf ein erhöhtes AML-Risiko, welches weiterer Beobachtung bedarf.
2015 wurde Glyphosat von der „International Agency for Research on Cancer“ (IARC) als „für Menschen wahrscheinlich karzinogen“ eingestuft (probably carcinogenic to humans, Gruppe 2A). Man berief sich hierbei auf Tier­experimente, in denen eine Karzinogenität, Genotoxizität und das Potenzial, oxidativen Stress in Zellen zu verursachen, nachgewiesen worden waren. Vergleichbares wurde auch für Menschen (zumindest in vitro) gezeigt. In selbige Gruppe 2A fallen gemäß der IARC auch DDT und anorganische Bleiverbindungen, aber auch eine berufliche Tätigkeit als Friseur oder Raffineriearbeiter, das HP-Virus Typ 68, Schichtarbeit mit Unterbrechung des zirkadianen Rhythmus und sehr heiße Getränke über 65 °C.   
 Auch wenn die Glyphosat-Geschichte mittlerweile  eine „nahezu unendliche“ zu sein scheint, liefert diese Kohortenstudie aus den USA einen weiteren Baustein zum Verständnis und zur Risikoevaluation des Pestizids.CB

KOMMENTAR

Und noch ein weiterer Akt im „Glyphosat-­Drama“ wurde Ende 2017 veröffentlicht. Eine Studiengruppe um Paul J. Mills von der University of California untersuchte in Urin­proben die Glyphosat-Ausscheidung der Bevölkerung über die Zeit (Mills PJ et al., JAMA 2017; 318: 1610-11). Zwischen 1996 und 2016 nahm diese in der in Süd-Kalifornien lebenden Kohorte deutlich zu (von 0,024 μg/l auf 0,314 μg/l). Auch die Ausscheidung des Glyphosat-Metaboliten AMPA (Aminomethylphosphonsäure) über den Urin nahm zu (von 0,008 μg/l auf 0,285 μg/l). In der US-­Untersuchung stieg die Glyphosat-Belastung der Bevölkerung demnach dramatisch. In einer Studie aus 2015 lagen die Urin-­Glyphosat-Spiegel bei europäischen Erwach­senen bei vergleichbaren 0,215 μg/l (Niemann L et al., J Fuer Verbraucherschutz Leb 2015; 10: 3-10).
Redaktion Praxis-Depesche

Quelle:

Andreotti G et al.: Glyphosate use and cancer ­incidence in the Agricultural Health Study. JNCI J Natl Cancer Inst 2018; 110: djx233

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