Planetary Health

Naturmedizin 6/2020

Der Hippokratische Eid im Anthropozän

Was wäre, wenn sich die Angehörigen aller Gesundheitsberufe auf ein einheitliches Gelöbnis einigen könnten, das sich nicht nur auf die Gesundheit der Menschen sondern auch die auf der natürlichen Systeme, unseren blauen Planeten bezieht? Der erste Schritt ist getan. Dies ist der sechste und letzte Beitrag der ganzjährigen Serie zur Planetaren Gesundheit.

Die Genfer Deklaration definiert ethische Grundsätze, die für die weltweite Ärzteschaft gelten (Weltärztebund 2017). Sie ist eine seit 1948 schon mehrmals aktualisierte Neufassung des sogenannten Hippokratischen Eides und steht in der deutschen (Muster-) Berufsordnung der Ärzte als ein der Präambel vorangestelltes ärztliches Gelöbnis (Bundesärztekammer 2015).
Nun ist in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet ein Artikel erschienen, der eine weitere Anpassung vorschlägt – nämlich an die Herausforderungen des Anthropozäns (s.u.): Dies sind insbesondere der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt und die fortschreitende Umweltzerstörung aber auch wachsende globale Ungleichheiten, sowie weiterhin Armut und persistierende und neue Konflikte. Der Titel des Artikels lautet: "A pledge for planetary health to unite health professionals in the Anthropocene" (Wabnitz et al. 2020) - auf deutsch: "Ein Gelöbnis für planetare Gesundheit, um die Angehörigen der Gesundheitsberufe im Anthropozän zu vereinen" (Wabnitz et al. 2020, eigene Übersetzung).

„Für Ärztinnen und Ärzte stellt der hippokratische Eid oder dessen moderne Adaptierung in der Deklaration von Genf oft ein identitätsstiftendes Gelöbnis dar“

Nicht nur die Gesundheit der Menschen, sondern auch die Gesundheit des Planeten soll oberstes Anliegen werden – und dies nicht nur für Ärztinnen und Ärzte, sondern möglichst für die Angehörigen aller Gesundheitsberufe, weltweit. Denn gesunde Menschen kann es nur auf einem gesunden Planeten geben.
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Angehörigen der Gesundheitsberufe zu den Mitgliedern der Gesellschaft gehören, denen am meisten vertraut wird und schreiben dann: „Wir glauben, dass Angehörige der Gesundheitsberufe, um dieses Vertrauen im Anthropozän aufrechtzuerhalten, die Interpretationen von primum non nocere (zuallererst keinen Schaden anrichten) sowie Wohltätigkeit erweitern und die Vitalität des Planeten als Fundament für menschliches Wohlergehen betrachten müssen.“ (Wabnitz et al. 2020, eigene Übersetzung)

Anthropozän

Der Begriff „Anthropozän“ wurde 2000 von dem niederländischen Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen gemeinsam mit Eugene Stoermer in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht, um auszudrücken, dass menschliche Aktivitäten seit der Industrialisierung zu einem Einflussfaktor geologischen Ausmaßes geworden sind.
„In den letzten drei Jahrhunderten haben die Auswirkungen des Menschen auf die globale Umwelt zugenommen. Aufgrund der anthropogenen Kohlendioxidemissionen kann das globale Klima für viele Jahrtausende erheblich vom natürlichen Verhalten abweichen. Es erscheint angebracht, den Begriff `Anthropozän´ in vielerlei Hinsicht der Gegenwart zuzuordnen, die das Holozän – die Warmzeit der letzten 10 bis 12 Jahrtausende – ergänzt. Man könnte sagen, dass das Anthropozän in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts begonnen hat, als Analysen der im polaren Eis eingeschlossenen Luft den Beginn wachsender globaler Konzentrationen von Kohlendioxid und Methan zeigten. Dieses Datum fällt auch mit James Watt‘s Entwurf der Dampfmaschine im Jahre 1784 zusammen.“ (Crutzen 2002)

Idee und Entstehung

Die Hauptautorin Katharina-Jaqueline Wabnitz ist Ärztin, angehende Absolventin eines Public Health-Masterstudiums in London und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Cambridge und an der LMU München. Der Autor hat sie für die Naturmed-Depesche gesprochen.
In Cambridge arbeitet sie für die The Lancet-Chatham House Kommission für bessere Gesundheit nach COVID-19 (Rutter et al. 2020) (siehe auch die Webseite: www.healthpostcovid-19.org). Ihr besonderes Interesse gilt der nachhaltigen Entwicklung, die sie gerne mit der praktischen Arbeit als Ärztin zusammenführen würde. Sie beschreibt sich als Netzwerkerin, die „eine Leidenschaft für planetare Gesundheit hat und zur Erhaltung derselben, transformatives Handeln entfachen möchte.“

Porträt der Hauptautorin des Lancet-Artikels mit dem neuen Ärzte-Gelöbnis Katharina-Jaqueline Wabnitz
© privat Hauptautorin des Lancet-Artikels: Katharina-Jaqueline Wabnitz

Die Inspiration für eine Neufassung des Genfer Gelöbnisses kam ihr durch zwei persönliche Erfahrungen: Bei der Abschlussfeier ihres Medizinstudiums in Tübingen 2018 hat sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen nach sechs Jahren Studium das Genfer Gelöbnis gesprochen. Für sie war es sehr bewegend, sich öffentlich auf diese Weise für die Gesundheit und das Leben anderer Menschen zu verpflichten. 2017 hat sie mit Kommilitoninnen und Kommilitonen lokale Kundgebungen der pro-europäischen Bewegung Pulse of Europe in Tübingen organisiert. Und: Zum Abschluss haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam die Ode an die Freude gesungen, was sie als Ausdruck emotional anrührender Identitätsstiftung empfand.
„Beides, das Sprechen des Gelöbnisses und das Singen der Ode, war als Ausdruck gemeinsamer Werte und Ziele unglaublich bewegend. Ich habe auch an anderen Stellen die heilsame Wirkung von kollektiven Aktionen und Bekenntnissen erlebt und daraus Motivation zum Handeln und Hoffnung angesichts komplexer und beängstigender Problematiken gezogen. Außerdem habe ich vor der Entscheidung, noch einen Master in Public Health zu studieren, viel über meine Rolle als Ärztin aber auch als Mensch im Anthropozän nachgedacht und denke, dass ich nun im Konzept und wissenschaftlichen Feld der planetaren Gesundheit meine Berufung gefunden habe. Aus diesen Erlebnissen und Gedanken heraus entstand die Idee eines Gelöbnisses, welches dies widerspiegelt.“

„Das Feilen an den Formulierungen war eine echte Herausforderung.“

Um der Idee Gewicht zu verleihen, wollte sie international anerkannte Expertinnen und Experten mit diversen Hintergründen im Bereich planetarer Gesundheit als Co-Autorinnen und -Autoren gewinnen. Hier hat zum einen die Vernetzung in Deutschland mit den Mitgliedern von KLUG, der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, aber auch mit der internationalen Planetary Health Alliance, geholfen (www.klimawandel-gesundheit.de, www.planetaryhealthalliance.org).
Die letztendlich neunköpfige Autorengruppe kann man dann wirklich als weltumspannend bezeichnen: Australien, Philippinen, Kanada, USA, England und Deutschland.


„Die Terminfindung für Abstimmungstelefonate über alle Zeitzonen hinweg war nicht leicht. Und es waren natürlich viele Vorschläge von sehr kompetenten und meinungsstarken Menschen auf dem Tisch“, erinnert sich Katharina Wabnitz. „Das Feilen an den Formulierungen war eine echte Herausforderung.“


Am Anfang dachte die Gruppe nur an die Zielgruppe der Ärztinnen und Ärzte, sie sind aber schnell zu der Überzeugung gekommen, dass ein neues Gelöbnis für das Anthropozän auf alle Gesundheitsberufe ausgeweitet werden sollte. Die Gruppe der Autorinnen und Autoren ist nicht nur kulturell, sondern auch bezüglich ihrer eigenen beruflichen Hintergründe divers. Die meisten sind Ärztinnen und Ärzte, von denen einige jedoch anstatt klinisch-praktisch tätig zu sein, im Bereich Public Health und in der Wissenschaft arbeiten, oder sich aktivistisch und politisch engagieren. Eine Autorin, Teddie Potter, kommt aus dem Bereich Pflege und Dr. Nicole Redvers ist naturheilkundlich tätig und hat die indigene Sicht in die Diskussion eingebracht. Sie gehört selber zu den Deninu K’ue First Nation (Dene) in Kanada. In dem neuen Gelöbnis wird explizit erwähnt, dass die indigenen traditionellen Wissenssysteme Respekt und Anerkennung verdienen, da in ihnen die Weltsicht planetarer Gesundheit seit jeher verankert ist. In Deutschland für ihr Engagement für planetare Gesundheit bekannt ist Prof. Dr. Sabine Gabrysch. Sie hat am Institut für Public Health an der Berliner Charité die 2019 neu eingerichtete Professur für Klimawandel und Gesundheit inne.

Vergleich der Fassungen

Anhand des Vergleichs zweier Ausschnitte soll hier die neue Ausrichtung des Gelöbnisses demonstriert werden.


„Als Mitglied der ärztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.“ (Weltärztebund 2017)


Neu: „Ich gelobe feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschheit zu stellen und die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, von denen die menschliche Gesundheit abhängt.“ (Wabnitz et al. 2020, autorisierte vorläufige Übersetzung)


„Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein.“ (Weltärztebund 2018)


Neu: „Die Gesundheit der Menschen, ihrer Gemeinschaften und des Planeten werden mein oberstes Anliegen sein ...“ (Wabnitz et al. 2020, autorisierte vorläufige Übersetzung)

Erweiterung von „Patient“ auf „Mensch“

Hier werden schon wesentliche Unterschiede deutlich: die Erweiterung über die ärztliche Profession hinaus auf andere Gesundheitsberufe, die sich so dem Gelöbnis verbunden fühlen sollen, die Erweiterung von „Patient“ auf „Mensch“, die Erweiterung auf die Gesellschaften und den Planeten sowie der stärkere Fokus auf die Prävention von Krankheiten – also eine Erweiterung des Selbstverständnisses von Gesundheitsberufen, die sich nicht nur der Heilung verpflichten sondern in erster Linie dem Verhindern von Krankheit. Dem zugrunde liegt auch ein Verständnis von ganzheitlichem Wohlergehen, welches Gesundheit mit einschließt. Die Autorinnen und Autoren sagen, dass Gesundheit nicht in erster Linie von Gesundheitsversorgung abhängt. „Gesundheit, insbesondere in Ländern des globalen Nordens und mit vorrangig westlich-medizinischer Praxis hängt nur zu einem kleinen Teil von den jeweiligen Gesundheitssystemen ab. Viele andere Faktoren spielen zusammengenommen eine größere Rolle: der Lebensstil, sozioökonomischer Status, gesellschaftliche und politische Einflüsse, die Umweltbedingungen und letztendlich die Intaktheit aller natürlichen Systeme. Um planetare Gesundheit herzustellen, sollte es vielmehr um Prävention von Krankheit gehen als um Heilung. In unseren Gesundheitssystemen – vor allem in den westlichen Ländern – besteht oft ein Fokus auf Behandlung von Patientinnen und Patienten, also Menschen, die bereits krank sind und darunter leiden – das ist in meinem Verständnis dem Anspruch von primum non nocere konträr. Außerdem würde die Prävention von Krankheiten in vielen Fällen nicht nur menschliches Leiden verhindern, sondern synergistisch zum Schutz der natürlichen Systeme des Planeten beitragen, so zum Beispiel durch einen Fokus auf aktiven Transport – also zu Fuß gehen und Radfahren – und Rück- bzw. Umbau des auf fossilen Brennstoffen beruhenden Transportsektors“, erklärt Katharina Wabnitz.


Ziel des Neuentwurfes

Die Autorinnen und Autoren schreiben, dass sie natürlich wissen, dass sie nicht repräsentativ für die gesamte weltweite Fachwelt sind. Daher wünschen sie sich eine konstruktive Diskussion ihres Entwurfs: „Verschiedene und global repräsentative Perspektiven werden in dieser Diskussion wichtig sein, um ein Versprechen auf der Grundlage eines noch breiteren Konsenses zu entwickeln, das an lokale Kontexte und für andere Berufsgruppen angepasst werden kann.“ (Wabnitz 2020, eigene Übersetzung aus dem Englischen)


Katharina Wabnitz betont, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen jetzt auf Feedback gespannt sind und dass dies ausdrücklich erwünscht ist. „Uns ist es wichtig zu betonen, dass unser Gelöbnisentwurf als Vorschlag zu verstehen ist, über den diskutiert werden soll und der angepasst werden darf. Insbesondere die Perspektiven von Vertreterinnen und Vertretern weiterer Berufsgruppen – sowohl der gesundheitsbezogenen als auch anderer – wären für uns interessant. Die Autorinnen und Autoren schließen mit einem Appell: „Wir fordern alle Berufsverbände und Einrichtungen für gesundheitsbezogene Ausbildungen auf, die Werte und Prinzipien der planetaren Gesundheit in ihre Leitbilder aufzunehmen. Darüber hinaus schlagen wir interprofessionelle Abschlusszeremonien vor, bei denen das Gelöbnis für planetare Gesundheit abgelegt wird, um die interdisziplinäre Zusammenarbeit hinsichtlich der wachsenden Herausforderungen im Anthropozän zu stärken.“ (Wabnitz et al. 2020, eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Das Gelöbnis ist in ganzer Länge auf Englisch in dem unten genannten Lancet-Artikel abgedruckt (Wabnitz et al. 2020).

Literatur

Wabnitz KJ et al.: A pledge for planetary health to unite health professionals in the Anthropocene. Lancet. 2020 Sep 30: S0140-6736(20)32039-0. doi: 10.1016/S0140-6736(20)32039-0. (letzter Zugriff am 7.10.2020)

Autor: Frank Aschoff; Redakteur NMD, Fachjournalist (DJK), auf Wissenschafts- / Medizinjournalismus spezialisiert. Weitere Literatur beim Autor.

E-Mail: aschoff@gfi-online.de

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