Spezial Cannabis - im Gespräch | Naturmedizin 4/2018

Cannabinoide wirken außerordentlich vielfältig

Herr Prof. Gottschling, Sie beschäftigen sich mit schwerstkranken Patienten, die häufig auch unter starken Schmerzen leiden. Seit nunmehr zehn Jahren arbeiten Sie auch mit Cannabinoiden. Wie kam es dazu?
Dadurch, dass das Rezepturarzneimittel Dronabinol seit mittlerweile 20 Jahren in Deutschland verkehrsund verschreibungsfähig ist und wir schon damals um die möglichen übelkeitslindernden und appetitanregenden Effekte bei krebskranken Menschen wussten, haben wir es mit gewisser Regelhaftigkeit bei krebskranken Kindern eingesetzt, die unter starkem Gewichtsverlust und Übelkeit litten.
 
Welche Bestandteile der Cannabispflanze nutzen Sie auch therapeutisch?
Ich verwende in der Tat keine Bestandteile der Pflanze oder Pflanzenextrakte, sondern ich verwende die Reinstoffe Tetrahydrocannabinol – bekannt unter dem internationalen Freihandelsnamen „Dronabinol“ bzw. „CBD“ oder „Cannabidiol“ – für unterschiedliche Indikationen. Mir persönlich ist ein einzelner Wirkstoff deutlich sympathischer als ein Wirkstoffgemisch aus über 100 Cannabinoiden und mehr als 500 weiteren chemischen Bestandteilen, die z. B. in Marihuana enthalten sind, da es auch keine wirklich guten Studien über den Einsatz der ganzen Pflanze gibt.
 
Bei welchen Patienten und Indikationen verwenden Sie Cannabinoide?
Dadurch, dass wir im gesamten Körper in fast allen Geweben Cannabinoidrezeptoren haben, ist die Wirkweise der Cannabinoide extrem vielfältig.
So können wir sie zur Appetitanregung, Übelkeitslinderung bei Krebspatienten anwenden, zur Muskelentkrampfung für Menschen mit Spastik, zur Schmerztherapie insbesondere bei hoch chronifizierten Schmerzen und Nervenschmerzen, aber auch für sehr komplexe Probleme am Lebensende, hier u. a. auch für Schlafstörungen, Ängste, depressive Zustände.
 
Welche Vorteile haben in diesen Fällen Cannabinoide gegenüber anderen Schmerzmitteln, wie beispielsweise Opioiden?
Cannabinoide haben ein sehr niedriges Nebenwirkungsrisiko. Insbesondere ist auch bei gravierenderen Überdosierungen bislang kein einziger dokumentierter Todesfall bekannt geworden.
Cannabinoide sind in aller Regel auch weniger stark müde machend und haben auch in der Langzeitanwendung keine bleibenden Organschäden zur Folge.
Auch beobachten wir keine Toleranzentwicklung, das heißt, auch in der Langzeitanwendung muss nicht ständig die Dosis nach oben angepasst werden.
 
Warum werden Cannabionoide trotz der Gesetzesnovelle von 2017 nur vergleichsweise selten von den Kollegen verschrieben?
Weil viele Ärzte sich mit diesem doch sehr anspruchsvollen, komplexen Thema noch nicht hinreichend gut auskennen und auch vor den wahnsinnig hohen bürokratischen Hürden des Antragsverfahrens, zahlloser Rückfragen vonseiten der Krankenkassen und des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen zurückschrecken und darüber hinaus Angst haben, auf den von ihnen vielleicht verursachten Verschreibungskosten letztendlich sitzen zu bleiben.
Ein Problem des Gesetzes ist eben auch, dass wir verschiedenste Cannabinoide und darunter auch Blüten jetzt verordnen können, und so sind wir mit diesem Gesetz als Ärzte gezwungen, zwischen schwerstkranken Patienten und jugendlichem Kiffer zu unterscheiden, der sich lediglich seinen Freizeitkonsum ärztlich legitimieren und auch durch die Gemeinschaft der Beitragszahler finanzieren lassen möchte.
In dieser Hinsicht finde ich das Gesetz ein bisschen unglücklich.
 
Können Sie Ihr Wissen zum medizinischen Einsatz von Cannabis weitervermitteln?
Ja, u. a. gibt es einige YouTube-Clips von mir zum Thema Einsatz von Cannabinoiden.
 
 
Herzlichen Dank für das Gespräch!

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