Heilsame Hyperthermie | Naturmedizin 1/2018

Überwärmungsbäder bei Depressionen

Antidepressiva sind die am häufigsten verschriebenen Medikamente in der medizinischen Praxis. Doch reagiert ein Drittel der depressiven Patienten nicht auf konventionelle Arzneien. Eine Studie von Prof. Roman Huber und Kollegen zeigt, dass Hyperthermiebäder eine wirkungsvolle Therapie gegen depressive Störungen sein können.
Depressionen sind ein weltweites Phänomen – mehr als 350 Millionen Menschen aller Altersklassen leiden daran. Dies bedeutet eine wirtschaftliche Belastung von schätzungsweise 317 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Und wer depressiv ist, hat auch häufiger chronische Krankheiten. Ein mittlerweile gut bekanntes Beispiel ist das erhöhte Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko Depressiver.
Ein zugrunde liegender physiologischer Mechanismus könnten Veränderungen im autonomen Nervensystem sein – es wird angenommen, dass sie die zirkadiane Funktion sowie die Schlaf- und Temperaturphysiologie stören.
Menschen mit Depressionen haben eine reduzierte Herzfrequenzvariabilität (HRV), allerdings ist unklar, ob dies krankheitsbedingt oder eine Nebenwirkung der Antidepressiva ist. Auch von Schlafstörungen berichten die meisten depressiven Patienten. Nachts haben sie außerdem eine erhöhte Körperkerntemperatur.
Trotz der großen Fortschritte in der pharmakologischen Behandlung von Depressionen reagiert ein Drittel der Patienten nicht auf Antidepressiva.
Darüber hinaus verursachen die gängigen Arzneien unerwünschte, zentralnervöse Nebenwirkungen.
Es ist also eine zusätzliche, nicht pharmakologische Behandlung depressiver Patienten erforderlich, die in der Lage ist, die kardiovaskulären Risikofaktoren, die Schlafqualität und die Herzfrequenzvariabilität positiv zu beeinflussen.
 
Vorangegangene Untersuchungen
 
Einige vorhandene Studien geben Hinweise darauf, dass hyperthermische Bäder (HTB) und andere Formen der Ganzkörperhyperthermie antidepressive Wirkungen haben, die durch Veränderungen der zirkadianen Funktion und Temperaturphysiologie vermittelt werden, wobei aber die zugrunde liegenden Mechanismen unklar bleiben. So zeigten in einer nicht kontrollierten Studie 20 Patienten nach fünf Hyperthermiebädern eine Verbesserung der depressiven Symptome (gemessen anhand der 21-Fragen-Hamilton-Skala, HAM-D 17). In weiteren sieben Studien verbesserten Überwärmungsbäder (vor allem vor dem Schlafengehen) den Schlaf bei gesunden, schlafgestörten und älteren Menschen mit vaskulärer Demenz. In einer nicht kontrollierten Studie reduzierte eine einzelne Behandlung mit Ganzkörperhyperthermie bei 16 depressiven Patienten die depressiven Symptome signifikant (gemessen an der Allgemeinen Depressionsskala ASD, bzw. CES-D-Skala).
 
Die aktuelle Pilotstudie
 
Aufgrund dieser vielversprechenden Ergebnisse entschied sich das Team um Dr. med. Johannes Naumann und Prof. Dr. Roman Huber vom Uni-Zentrum Naturheilkunde Freiburg dazu, eine randomisierte, placebokontrollierte Pilotstudie durchzuführen, die die Bewertung von depressiven Symptomen, Schlafqualität und HRV-Parametern beinhaltet.
Es nahmen 36 Patienten im Alter zwischen 18 und 65 Jahren mit bestätigter Depressionsdiagnose nach ICD-10 (F32 / F33) von mindestens vier Wochen Dauer teil.
Die Patienten standen zum Zeitpunkt der Studie entweder unter konsistenter antidepressiver Therapie oder waren seit mindestens vier Wochen ohne Therapie. Während der Studie durften keine Änderungen der antidepressiven Therapie vorgenommen werden. Die Teilnehmer wurden danach ausgewählt, dass sie zum Beginn der Studie ≥ 18 Punkte auf der Hamilton- Skala 17 (HAM-D 17) erreichten und u. a. keine schweren Begleiterkrankungen, andere psychotische Störungen, Epilepsie, Selbstmordgedanken oder offene Wunden hatten. Die Patienten bekamen die Information, dass zwei vielversprechende Behandlungen in der Studie verglichen würden. In die HTB-Gruppe wurden 17, in die Placebogruppe (Grünlichttherapie) 19 Teilnehmer aufgenommen. Je drei Patienten jeder Gruppe brachen die Behandlungen frühzeitig ab (18 % der HTB-Gruppe, 16 % der Placebogruppe).
Über vier Wochen bekam jede Gruppe zwei Behandlungen pro Woche (acht Interventionen in jeder Gruppe).
Die Teilnehmer der Placebogruppe bekamen eine LED-Grünlichtbehandlung mit <400 Lux <40 Minuten. Messbare therapeutische Effekte können erst bei Therapien mit 10 000 Lux an 30 Minuten pro Tag erwartet werden.
 
Hyperthermische Bäder
 
Die Überwärmungsbäder wurden immer nachmittags (zwischen 14 und 18 Uhr) durchgeführt. Das Wasser hatte eine Temperatur von 40 °C, die Patienten sollten bis zu einem gefühlten Unbehagen verweilen, das Ziel war eine Badedauer von 30 Minuten. Danach folgte für mindestens weitere 30 Minuten eine Ruhephase, die die Teilnehmer mit zwei Wärmflaschen auf Bauch und Oberschenkeln in warme Decken gehüllt liegend verbrachten.
Nach 20 bis 30 Minuten im 40 °C warmen Bad ist mit einem Anstieg der Körperkerntemperatur um 1,7 °C zu rechnen. Die Temperatur wurde vor und nach dem Bad sowie nach dem Ruhen gemessen.
 
Zielparameter
 
Die Bewertungen wurden vor Beginn der HTB-Behandlung (T0), unmittelbar nach Abschluss des zweiwöchigen Behandlungsintervalls (T1, vier Behandlungen) und vier Wochen nach Behandlungsende (T2) erhoben. Als primärer Endpunkt wurde die Veränderung des HAM-D-17-Gesamtwertes bei T1 relativ zu T0 ermittelt. Um zu untersuchen, ob unmittelbare Reaktionen nach Absetzen der Behandlung anhalten würden, wurden auch Veränderungen des HAM-D-Gesamtwertes bei T2 relativ zu T0 ermittelt. Weitere sekundäre Endpunkte waren „Stimmung“, „Schlaflosigkeit“ und somatische Beschwerden (Angst somatisch, gastrointestinale Symptome, allgemeine Symptome) und die Gesamtherzfrequenzvariabilität, Niederfrequenz (LF), Hochfrequenz (HF), LF / HF-Verhältnis und die Herzfrequenz während des Schlafes.
 
Ergebnisse
 
Das Hauptergebnis der Pilotstudie ist eine moderate, aber signifikante Verbesserung von 3,1 Punkten im HAM-D-Gesamtwert nach vier Überwärmungsbädern im Vergleich zur Placebointervention. Der positive Effekt der HTB-Behandlung auf die Depression blieb bis vier Wochen nach der Intervention stabil, erreichte jedoch keine statistische Signifikanz. Die Körperkerntemperatur stieg von 36,6 °C vor den Bädern auf 39,1 °C direkt danach und betrug 37,7 °C nach der Ruhephase.
Weiter zeigten sich statistisch und klinisch signifikante Verbesserungen der Parameter „Stimmung“ und „Schlaflosigkeit“. Die Autoren gehen davon aus, dass der Unterschied in den HAM-D-Scores hauptsächlich auf einer Verbesserung der Schlafqualität beruht. Ein signifikanter Effekt von hyperthermischen Bädern auf die Herzfrequenzvariabilität konnte in der Studie nicht festgestellt werden, was auf die geringe Stichprobengröße, die hohe Variabilität der HRV-Parameter und den großen Altersunterschieden der Teilnehmer zurückzuführen sein könnte. Geringfügige und mittlere Nebenwirkungen traten auf, wobei es sich hauptsächlich um Beschwerden und orthostatische Probleme während oder unmittelbar nach dem Baden, aber auch um Schlafstörungen bei einigen Patienten in der Nacht nach dem Eingriff handelte.
Neben diesen vorübergehenden Effekten wurde die HTB-Behandlung gut vertragen. Insgesamt berichteten 21 Teilnehmer von Nebenwirkungen, zwölf (86 %) aus der HTB-Gruppe und neun (56 %) aus der Placebogruppe.
Hyperthermiebäder können also die Schlafqualität und die depressiven Symptome, besonders bei schwer depressiven Patienten, verbessern. Die Wirkung tritt schon nach vier Bädern bzw. zwei Wochen ein. Hyperthermiebäder haben keine schweren Nebenwirkungen und werden relativ gut vertragen und akzeptiert.
Weitere klinische Studien sind aber notwendig, um den Einfluss von Hyperthermiebädern zu validieren. Die Ergebnisse dieser Pilotstudie und der vorangegangenen Untersuchungen stimmen zuversichtlich, dass hyperthermische Bäder zukünftig in die Versorgung depressiver Patienten integriert werden könnten.
Quelle: Naumann J, Grebe J, Huber R et al.: Effects of hyperthermic baths on depression, sleep ... BMC Comp. Altern. Med. 2017; 17: 172
ICD-Codes: F32.9

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