| Naturmedizin 2/2018

Antibiotische Substanzen und ihr Einfluss auf die intestinale Mikrobiota

Bei einer immer größer werdenden Zahl von Erkrankungen und Störungen wird der Einfluss der intestinalen Mikrobiota deutlich, so etwa bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, allergischen Erkrankungen, Hautkrankheiten und dem metabolischen Syndrom. Gerade im Hinblick auf Antibiosen im Kindesalter ist also eine Prophylaxe wünschenswert, aber auch bei Erwachsenen kann ein gestörtes Mikrobiom gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.
Grundsätzlich ist erstes diagnostisches Mittel der Wahl eine mikrobiologische Stuhluntersuchung. Dies gehört in der naturheilkundlichen Praxis zur ausführlichen Diagnose, insbesondere natürlich bei Patienten mit Beschwerden im Bereich von Magen und Darm, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien, aber auch bei infektanfälligen und chronisch erschöpften Patienten. Je nach Symptomenkomplex werden unterschiedliche Werte erhoben, immer aber ist eine Analyse der aeroben und anaeroben Flora mit Pilzbesiedelung und pH-Wert-Bestimmung wichtig. Aber auch wenn Patienten ein Antibiotikum einnehmen mussten, empfiehlt sich im Nachgang eine bakteriologische Stuhluntersuchung. Ist diese nicht möglich oder erwünscht, kann das intestinale Mikrobiom nach Antibiotikaeinnahme trotzdem therapeutisch unterstützt werden. Dafür muss aber klar sein: Welches Antibiotikum schädigt als Kollateralschaden welche intestinale Bakteriengruppe? Eine Übersicht über gängige Substanzen und ihre Auswirkungen auf die intestinale Mikrobiota finden Sie in Tabelle 1. Die im In-vitro-Spektrum genannten Bakterien(gruppen) stellen keine vollständige Aufzählung dar, es können jeweils auch Bakterien der anaeroben Flora wie Bifidobacterien und Lactobacillen betroffen sein.
Zur aeroben Flora gehören die routinemäßig erfassbaren Keime wie Escherichia coli, E.-coli-Varianten, Enterococcen, Enterobacteriaceae wie Klebsiella, Proteus, Enterobacter und Citrobacter; zur anaeroben werden u. a. Bifidobacterien, Bacteroides, Lactobacillen, Clostridien, Faecalibacterium prausnitzii und Akkermansia muciniphila gezählt (2, 4).
 

 

Bei antibiotischen Substanzen, die (auch) Veränderungen der anaeroben Flora zur Folge haben, sollten Probiotika mit Bifidobacterien, Lactobacillen und / oder Bacteroides in Betracht gezogen werden. Antibiotika und Probiotika Je nach mikrobiologischem Befund und Beschwerdebild kommen verschiedene Arzneien in Betracht, um die Ausgewogenheit der Darmflora und die Regeneration der Darmschleimhaut zu fördern. Arzneien mit lebenden Bakterienkulturen gibt es in unterschiedlichen Ausführungen und Kombinationen, mit einem oder mehreren Arten bzw. Stämmen oder auch mit weiteren Wirkstoffen wie Vitaminen und Mineralien. Steht eine Darmschleimhautregeneration im Vordergrund, können Präparate, die statt lebender Bakterien deren Stoffwechselprodukte enthalten, eingesetzt werden. Diese bakteriellen Stoffwechselprodukte bilden einen Regenerations- und Wachstumsimpuls für schwache Keimpopulationen (5). Auch, wenn E.-coli-Bakterien wiederaufgebaut werden müssen, kann mit solchen Gaben gestartet und dann langsam steigernd mit den Lebendkulturen weitergearbeitet werden.
Durch die Einnahme von Antibiotika werden häufig Diarrhöen ausgelöst, denn die Störung des empfindlichen biologischen Gleichgewichts begünstigt die Ansiedlung pathogener Keime. Etwa 30 % der antibiotikaassoziierten Diarrhöen werden durch Colstridium difficile ausgelöst. Um dies zu vermeiden, können Erwachsene und Kinder während der Antibiotikatherapie Probiotika mit z. B. Bifidobacterien, Lactobacillen oder Saccharomyces species einnehmen. Dies reduziert das Risiko einer C.-difficile-Diarrhöe deutlich.
Zur Frage nach dem optimalen Beginn einer probiotischen Wiederaufbaukur gibt es verschiedene Ansätze. Manche Autoren empfehlen, mit der Einnahme von Probiotika schon während der Antibiotikaeinnahme zu beginnen, aber immer zeitversetzt: Das Probiotikum soll zwei Stunden nach dem Antibiotikum eingenommen werden.
Andere bevorzugen den Therapiebeginn erst nach Beendigung der Antibiose. In jedem Fall sollten die Probiotika über die Antibiose hinaus eingenommen werden. Die Empfehlungen variieren von zwei Wochen bis zu drei Monaten nach der Antibiose.
Zusätzlich fördern präbiotische Nahrungsmittel gezielt das Wachstum erwünschter Darmbakterien. Dazu zählen ballaststoffreiche Lebensmittel wie Gemüse, Obst und Vollkornprodukte. Zusätzlich kann auch Inulin oder ein Brottrunk eingenommen werden.
 

 

Die Therapie der intestinalen Mikrobiota ist in jedem Fall eine individuelle Therapie, das subjektive Befinden sowie die mikrobiologische Diagnostik sind wertvolle Wegweiser.
Für verschiedene Erkrankungen wie das Reizdarmsyndrom gibt es mittlerweile aber auch Erfahrungswerte zu charakteristischen Befundmustern (siehe Tab. 2).

 

Literatur
(1) Diana Milatovic, Ilja Braveny: Infektionen. Praktische Hinweise zur antimikrobiellen Therapie und Diagnostik. 6., Erweiterte Auflage, MMV Medizin Verlag München 1997 (vergriffen)
(2) Rainer Schmidt, Susanne Schnitzer: Allergie und Mikrobiota. Systemisches Krankheitsverständnis – Mikrobiologische Therapie. Karl F. Haug Verlag Stuttgart 2018
(3) http://www.labor-bayer.de/publikationen/2015-DrBayer-Metagenomische-Stuhldiagnostik-Kurzinfo.pdf
(4) Beckmann / Rüffer: Mikroökologie des Darmes. 3. Auflage 2010, Schlütersche Verlagsgesellschaft
(5) Walach / Michael / Schlett: Das große Komplementär-Handbuch. 1. Auflage 2018, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart
 
 

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