Studie mit Opfern des Erdbebens in Amatrice 2016 | Naturmedizin 3/2019

Akupunktur zur posttraumatischen Therapie

Am 24. August 2016 kamen in Mittelitalien durch ein Erdbeben der Stärke 6,0 fast 300 Menschen zu Tode, 30.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Kann eine Akupunkturbehandlung bei psychischen und körperlichen Symptomen nach so einem Unglück hilfreich sein? Das prüften italienische Wissenschaftler. Die Ergebnisse liegen nun vor.
Überlebende von Erdbebenkatastrophen sind mit einer geschätzten Inzidenz von ca. 24 % von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) betroffen. Neben Ängsten und Depressionen kann die PTBS auch mit typischen und atypischen Schmerzen einhergehen, am häufigsten betroffen sind Arme, Beine und Gelenke, gefolgt von Rückenschmerzen und Brustschmerzen. Als gängige Behandlungsmethoden gelten die kognitive Verhaltenstherapie und die Pharmakotherapie. Arzneimittel wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind aber mit teils erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Die Akupunktur als Alternative zur Behandlung der PTBS hat ein gewisses Potenzial. Frühere Studien haben die Wirkung der Akupunktur bei PTBS schon untersucht, auch eine Meta-Analyse mit vier kontrollierten randomisierten und zwei unkontrollierten Studien existiert. Diese zeigte, dass die Akupunktur bei posttraumatischen Symptomen, Depressionen und Angstgefühlen hilfreich ist. Die methodische Qualität der Studien war jedoch suboptimal, weshalb weiterer Forschungsbedarf besteht. Nachdem es im August 2016 im mittelitalienischen Amatrice zur Erdbebenkatastrophe kam, führten die lombardische Vereinigung der medizinischen Akupunkteure (ALMA) und die Vereinigung Acupuncture in the World (AGOM) von September bis Oktober 2016 eine Studie mit 23 Erdbebenopfern durch.
 
Qi-Stagnation und Yang-Mangel nach dem Trauma
Acht Männer und 33 Frauen mit einem Durchschnittsalter von 58 Jahren, die unmittelbar vom Erdbeben betroffen waren und unter damit in Zusammenhang stehenden Symptomen litten, nahmen an der Studie teil. Knapp 70 % von ihnen litten an psychischen und körperlichen Symptomen, die übrigen 30 % litten entweder an psychischen oder körperlichen Symptomen. Alle Symptome wurden mit einer Skala von 1 (=überhaupt nicht) bis 5 (=extrem schwer) erhoben. Die Patienten wurden von TCM-Ärzten untersucht. Die häufigsten Diagnosen waren Qi-Stagnation (32 % gesamt, mit 36 % häufigste Diagnose der Frauen) und Yang-Mangel (29 % gesamt, mit 50 % häufigste Diagnose bei den Männern). Die Ärzte konzentrierten sich bei ihrer Behandlung auf die Meridiane von Nieren, Dickdarm, Milz und Gallenblase. Über fünf Wochen erhielt jeder Patient vier 20-minütige Akupunkturbehandlungen. Bei ausgewählten Patienten wurde zusätzlich mit Moxibustion behandelt.
 
Besserungen auf psychischer und körperlicher Ebene
In Woche 3 der Intervention zeigten sich signifikante Verbesserungen. Der wahrgenommene Schmerz nahm um 1,67 Punkte im Vergleich zum Ausgangswert ab. Die mittlere Punktzahl bei den psychischen Symptomen nahm nach der dritten Behandlung um 1,73 Punkte ab.
Betroffene von Naturkatastrophen benötigen dringend und zeitnah psychologische und medizinische Hilfe. Die Akupunktur sollte in solchen Notfallsituationen als zusätzliche, schnell einzusetzende Therapieoption ernst genommen und weiter mittels qualitativ hochwertiger Studien beforscht werden, so die Empfehlung der Autoren der Studie über die Erdbebenopfer von Amatrice. Die Akupunktur könnte ein nützliches Instrument zur Bewältigung solcher Massentraumen sein und einen sinnvollen Beitrag zur psychischen Genesung von Menschen in Katastrophengebieten leisten.
Quelle: Moiraghi C et al.: An Observational Study on Acupuncture for Earthquake-Related Post-Traumatic Stress Disorder: The Experience of the Lombard Association of Medical Acupuncturists/Acupuncture in the World, in Amatrice, Central Italy. Med Acupunct. 2019; 31(2): 116-22

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