Keine Lust auf Sex? | Praxis-Depesche 5/2017

Akupunktur schafft Abhilfe

Etwa 43% aller US-amerikanischen Frauen leiden an einer sexuellen Dysfunktion, meist in Form von vermindertem sexuellen Verlangen (hypoactive sexual desire disorder, HSDD). Im Juni 2015 wurde in den USA Flibanserin zugelassen, das erste Medikament gegen die sexuelle Unlust der Frau. Wirksamkeit und Sicherheit dieses Mittels sind jedoch stark umstritten. Nun zeigte eine aktuelle Studie, dass die altbewährte Akupunktur eine wirksame und weitaus weniger bedenkliche Alternative darstellen könnte.

Forscher untersuchten die Wirksamkeit einer Akupunkturbehandlung an 15 prämenopausalen Frauen mit gynäkologisch bestätigter HSDD-Diagnose. Fünf Wochen lang erhielten die Teilnehmerinnen zwei Akupunktursitzungen a 25 min, wobei die Nadeln je nach individueller Diagnose am Scheitel, Nacken, unteren Rücken, Unterbauch sowie an den Ellenbogen und/oder Knien platziert wurden.
Vor und nach der Intervention befragte man die Frauen zu ihrer allgemeinen Gesundheit (Short Form 12, SF-12), dem Vorkommen von Angststörungen und Depressionen (General Anxiety-Disorder-7, GAD-7 bzw. Prime Health Questionnaire-9, PHQ-9) und ihrer Lebensqualität (World Health Organization Quality of Life BREF, WHOQOL-BREF). Die Sexualfunktion der Patientinnen und ihr Leidensdruck durch die sexuellen Symptome wurden mit dem FSFI (Female Sexual Function Index) bzw. FSDS-R (Female Sexual Distress Scale - Revised) evaluiert.
13 Frauen führten die Intervention bis zum Studienende durch (Durchschnittsalter 36,9±11,4 Jahre, mittlerer BMI 30,6±6,8 kg/ m²). Nach der Intervention gaben die Patientinnen eine deutlich verbesserte Sexualfunktion an. Der FSFI-Gesamt-Score war nach der Behandlung von 19,43±5,96 auf 25,45±5,59 gestiegen (p<0,0001), der FSFI-Teilscore für das sexuelle Verlangen von 2,08±0,59 auf 3,28±1,15 (p<0,0001). Erregbarkeit, Lubrikation und Orgasmusfähigkeit hatten sich ebenfalls verbessert (p<0,0001, p=0,03 bzw. p=0,005). Der FSRS-R-Gesamtscore als Maß für den sexuellen Leidensdruck war hingegen von 32,64±12,76 auf 23,71±14,96 gesunken (p=0,03).
Die genauen Wirkmechanismen der Akupunktur sind bisher unbekannt. Man vermutet, dass bei der Behandlung Endorphine freigesetzt werden, die ihre physiologische Wirkung im Gehirn entfalten.
Da es in dieser Studie weder eine Plazebo- kontrollierte Vergleichsgruppe gab und die Stichprobenzahl sehr gering war, sind die Ergebnisse allerdings mit Vorsicht zu genießen und weitere Evidenz zur Validierung nötig. Dennoch ist die Akupunktur als mögliche Therapieoption bei Frauen mit HSDD durchaus erwägenswert. OH

Kommentar

In der BEGONIA-Studie stieg unter Flibanserin der FSFI-Gesamt-Score um 5,3±0,3 und der FSFI-Teilscore für sexuelles Verlangen um 1,0±0,1. Durch Akupunktur wiederum stieg der FSFI-Teilscore in vorliegender Untersuchung um 1,2 Punkte. Natürlich ist dieser Studienvergleich unzulässig – dennoch wirft er ein Schlaglicht auf die Wirksamkeit einer vielleicht nebenwirkungsreichen medikamentösen und einer nebenwirkungsarmen alternativen Therapie. Die Zulassung von Flibanserin durch die FDA jedenfalls wurde erst bei der dritten Antragsstellung erteilt, da Sicherheitsbedenken und Zweifel an der Wirksamkeit bestanden.

Sang JH et al.: J Menopausal Med 2016 Apr; 22(1): 9-13;
Redaktion Praxis-Depesche
Quelle:

Oakley SH et al.: Acupuncture in premenopausal women with hypoactive sexual desire disorder: a prospective cohort study. Sex Med 2016; Epub Mar 28; doi: 10.1016/j.esxm.2016.02.005

ICD-Codes: F52.9

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